Autormartha

Schreiborte Mallorca


S-Bahn zwischen Wolkersdorf und Flughafen Schwechat
Ich bin auf dem Weg zum Flughafen. Am Frühstückstisch lag heute ein Zeitungsbericht über Mallorca in der Nachsaison. Wie passend. Darin wird vorgeschlagen: Einfach ins Meer starren. Zwischentöne zulassen, weil es ruhig ist. Die Wellen rauschen hören. Einen gemeinsamen Fluss finden.
Was werde ich finden? Was werde ich hören?
Es macht wenig Sinn, auf Mallorca ständig an die Arbeit zu denken. Den Gedanken daran sollte ich jetzt loswerden.
Die Kürze des Lebens schockiert mich immer wieder und lähmt mich manchmal. Vielleicht gelingt es mir im Laufe der Reise, der Leichtigkeit Einzug zu gewähren. Nicht zu viel zu wollen, nicht fleißig sein zu müssen. Leider habe ich oft den Eindruck, nichts mehr wert zu sein, sobald ich nichts leiste.

Flughafen Wien Schwechat
Ein Monolog meines Reisegefährten:
Wie ist es möglich, dass es Menschen gibt, die einen See kaufen?
Wie kann man einen See kaufen?
Und von wem?

Vis-à-vis  vom Café Franzel am Flughafen gibt es ein Klo.

Im Flugzeug
Mein Reisegefährte darf sich im Flugzeug für ein paar Minuten im Cockpit des AUA-Flugzeugs, das uns von Wien nach Palma bringt, umschauen und ein paar Fragen stellen. Das sind wohl besondere Werbemaßnahmen. Hier klärt sich auch auf, dass die Funkverbindung im Flugzeug nicht nur über WLAN läuft. Das beruhigt uns beide.

Die Terrasse des  Hotelzimmers mit Blick auf den Playa de Palma
Die Terrasse ist wunderbar. So stelle ich mir eine Traumschreibstube vor. Das Hotel ist austauschbar, der Blick aufs Meer nicht. Auf Mallorca gibt es neben Touristen viele Kapernsträucher. Das beruhigt mich auch. Hab Salz in den Augen. Mehr als gewohnt. Das Meer ist grün, ultramarinblau, weiß, grau und türkis.
Für den Maler William Turner gab es nur die Grundfarben Rot, Gelb und Blau. Mischfarben waren für den Puristen out, sagt der Künstlerfreund.
Der Wind macht das Meer sehr wild. In der Nacht ist ein konstantes Rauschen zu hören, nicht das melodische Auf und Ab einer sanften Flut. Mir ist das Wilde lieber.
Mallorca wurde 2025 zum overtourismreichsten Landstrich der Welt erklärt. Ich verstehe die Menschen, die hier Urlaub machen. Es ist schön hier. Und jetzt sehe ich auch, wie der „Ballermann“ geographisch angelegt ist.
Er besteht aus 15 direkt am Strand gelegenen Stützpunkten. Hier gibt’s Alkohol. Hier gibt’s Meer und Sonne, also Naturromantik und Musik. Hier kann man tanzen. Und laut sein. Und hier ist man Tourist. Dass man sich dabei von seiner schlechtesten Seite zeigt, das ist nicht nachvollziehbar.

Ich bin umgeben von inspirierenden Dingen und freundlichen Menschen. Zum Beispiel von jenen, die in Gelb-Türkis gekleidet sind.
Ich habe keine Termine. Ich höre zu. Der Wind ist nach wie vor stark im Kommen. Heute allerdings scheint den ganzen Tag über die Sonne. Und die wärmt. Meine Schwester betont manchmal, wie befriedigend es doch ist, etwas ganz gut zu können. Zum Beispiel ein Instrument zu beherrschen oder einen Chor zu leiten. Ich kann jetzt ganz gut hier sitzen und in den Tag leben.
Später werde ich im Mittelmeer schwimmen. Noch ist eine Insel unter mir. Wir wohnen bei Ballermann 12.


Palma
In der Straße Passeig del Born, Born 8
Der Tag dauert noch relativ lange, da wir weit im Südwesten von Wien einquartiert sind. Ich kann von allem nehmen, es ist ja alles da.
Das Paar am Nachbartisch bestellt einen Kübel voll mit Sangria. Der Typ versucht wahrscheinlich, die Frau damit gefügig zu machen. Es sieht ganz danach aus.
Wenn ich wieder im Weinviertel bin, werde ich meine Mutter bitten, mir eine Pipi-Langstrumpf-Schürze zu nähen.

In der Nikolauskirche findet ein Familien- bzw. Kindergottesdienst statt. Die Kleinen tragen feine Schuhe und Stutzen oder Söckchen und schauen zuckersüß aus.
Ein alter Beichtpriester, ein mittelalter Hauptzelebrant und ein junger Kaplanschönling, an dem die jungen Mädchen und deren Mütter picken. Alles beim Alten!  Mein Reisebegleiter sagt: „So etwas mag ich nicht sehen, wenn die Kirche funktioniert.“

 Alleen mit sehr hohen Platanen – eine Prachtstraße, links und rechts gehen schmale Gässchen weg. Die Bäume sind herbstlich gefärbt. Jedes kleine Eck hat seine Berechtigung. Die Architektur ist außergewöhnlich pompös und alle Gebäude, Kirchen und Straßen sind sehr gut erhalten. Hier fließt natürlich viel Geld. Auf dem Place de la Cort laufen wir auf einen über 600 Jahre alten Olivenbaum zu. Eine gewachsene Skulptur. In Anlehnung daran serviert man im Lokal Martini mit drei Oliven. Ich zeige meinem Reisegefährten ein rosarotes „Nichts“- Bild. Er sagt: „Schöne Unterwäschfarbe!“
Im Stadtzentrum stellen jede Menge Galerien gefällige Kunst in den Schaufenstern zur Schau. Überall hängt schon die Weihnachtsbeleuchtung. Es ist warm. Es muss schön sein hier am Abend, denke ich. Mein Reisegefährte schwärmt von der Stadt am Morgen. Vielleicht schaffen wir es, noch zweimal hereinzukommen.

Deutsch ist die zweite Landessprache.
Dass die Insel voller alter Menschen ist, darf mich nicht schrecken, denn ich gehöre ja auch schon dazu.
Allerdings muss ich nicht akzeptieren, dass ich auch Scheisskerlen gehören soll, die überall meckern und die sich hier eine Wohnung leisten, um dann ein paar Monate im Jahr unter der Sonne zu leben.
Die Brillen passen perfekt, die Kleidung auch und überhaupt alles. Alles ist durchgestylt und man spricht natürlich auch ein bisschen Spanisch.
Mein Blick fällt auf die Haut einer jungen Frau, die neben mir in ein Schaufenster schaut.


Placa de Weyler
In der Galerie sehen wir 3.000 tiefblaue Schnüre, die von der Decke hängen. Auf der Spiegeltreppe erblicken wir das Paradies. Dann wird uns mitgeteilt, dass der Künstler tot ist und die KI lebt. Die Innenräume der öffentlichen Gebäude protzen dezent.
Der Platz vor dem Dom: Wasser trifft auf Wasser. Süßwasser und Salzwasser. Brunnen und Meer. Im Haus Caixa Forum gibt es eine weitere Ausstellung. Werke aus dem Centre Pompidou, das derzeit renoviert wird, finden hier eine Zwischenbleibe. Picasso Miró, Georgia O’Keeffe. Das Gebäude selbst ist voll mit feinstem Kunsthandwerk. Es gibt Steinhauerarbeiten, Kunstschmiedearbeiten,  pompöse Glasfenster, Mosaike und Marmor. Der Kaffee schmeckt ausgezeichnet. Die Schulklassen, die durch die Ausstellung geführt werden, sind johlende Kindertrauben.
In der Straße La Rambla befindet sich der Blumenmarkt. Die Platanenallee wächst in den Baumkronen zusammen.

La Biblioteca de Babel.
Wir erarbeiten Space zwischen uns, indem wir gemeinsam unterwegs sind.
Wir schauen uns zwei Kirchen an: San Miguel und San Nicolas. In der Kirche San Miguel, einer Rundkirche, zünden wir eine große, weiße Kerze an.
Im Hintergrund läuft das Lied „Nada te turbe”. Ich könnte dankbarer sein für mein Leben, als ich es bin.
Zwei Ecken weiter befindet sich die wunderbare Bibliotheca de Babel.
Mein Reisegefährte liebte früher Thomas Mann und Jules Verne, „20.000 Meilen unter dem Meer” und andere Fantasygeschichten. Genauso liebte er Penderecki, weil während seiner Ausbildung immer eine Verbindung zur Malerei hergestellt wurde. Während wir in der Bibliothek ein Glas Wein trinken, rücken wir ein paar Geschichten von Bekannten zurecht.

Der Markt in La Palma
besticht durch ausgeklügelte Lichtverhältnisse. Die Ware wird mit besonderen Spots beleuchtet. Da lassen sie sich nicht lumpen, die Mallorquiner.
Jetzt habe ich den Green Flash versäumt”, sagt mein Reisegefährte eine halbe Sekunde nach Sonnenuntergang. Für mich sind am Horizont nur ein Leuchtturm und ein Sendemast zu sehen.

Faro di Cargo Faguera. Der Leuchtturm.
Die Nikolaikirche imponiert mir. Auch der kleine Hafen zwischen La Palma und unserem Allsun-Hotel macht gute Laune. Lieber ist mir der Pfarrer als ein echter Kitesurfer, was Gehabe und Kleidung betrifft. Die Wolken, die hier schweben, leuchten noch lange rosa. Badeschluss – es sieht ganz danach aus – ist traurig und macht melancholisch. Ich kann üben, einfach am Meer zu sitzen und zur Ruhe zu kommen. Ich spüre die Salzluft in meinen Lungen. Es kühlt ab.

Hoffentlich habe ich genug warme Sachen mit! Der Mantel wärmt. Jetzt ist es so, wie ich es mir so oft wünsche: Das Wichtigste ist schon geschehen. Wir haben uns gefunden.


Das All Inklusive Hotel
hat einen für mich bislang unbekannten Speed. Die Art, wie man hier Menschen beglückt und vor allem, die Art, wie sich Menschen hier beglücken lassen, ist ziemlich menschenfremd – Der Mensch denkt sich halt Eigenartiges aus, um sich oder die anderen zu vergnügen. Zum Beispiel den ganzen Tag in der großen Gruppe zu verbringen. Morgengymnastik, tolles Frühstück, Vormittagsprogramm, tolles Mittagessen, Strand, Sauna, Fitnessraum, Jause, Spaziergang, tolles Abendessen, Abendprogramm. Und alles auf sehr hohem Niveau und perfekter Infrastruktur. Es funktioniert perfekt. Alles fließt, es gibt kaum einen Leerlauf. Man muss das Ressort nicht verlassen. Es ist wie die Vorstufe zum Altersheim.
Das Personal macht seine Sache mit höchst professioneller Freundlichkeit und sorgt dafür, dass alles am Laufen gehalten wird. Das Personal ist grandios freundlich. Aus allen Hähnen fließen Kaffee, heißes Wasser oder Fruchtsaft. Nur Alkohol muss man extra ordern. Mein Lieblingsessen: Wilder Meerfenchel.
Ich treffe die Großeltern von Joachim Meyerhoff – also sinnbildlich, jene aus seiner Münchner Zeit, die mit den klar definierten Alkoholkonsumzeiten. Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke!
Während der Mahlzeiten beobachten wir zwei Reisenden uns selbst sehr genau und wir beobachten uns, während die anderen uns beobachten. Und wir sehen uns selbst an, wie wir uns beobachtet fühlen. Es ist dann doch ein sehr interessantes Spiel, ohne dass es gesellig wird.
Und niemand hindert uns daran, von hier immer wieder wegzugehen.

Der Meerblick vom Zimmer aus ist kitschig schön. Sogar bei Regenwetter. Mich stört Regenwetter nur, wenn ich eine Outdoorveranstaltung plane oder während der Weinlese.

Im Meer
Das Schwimmen am Morgen im warmen Meer, während die Luft rundherum kalt ist, gibt mir ein besonderes Körpergefühl: Ich bin rundum warm. Auch die Seele ist es. Es ist mit nichts zu vergleichen. Und am Abend tropft die Sonne für uns ins Meer.

Can Pastilla
Von Can Pastilla gehen wir zu Fuß zu unserem Hotel. Der Weg führt entlang des Meeres. Wir bewegen uns in einem Rhythmus, der still macht. An allen Ecken und Enden wird etwas gerichtet, der neue Boden rund um die majestätischen Palmen, der Zufluss des Flusses wird wieder von Sand freigemacht, die Hecken werden geschnitten, das Laub wird weggeblasen und aufgekehrt. Die Menschen tragen Jacken und lange Hosen. Es hat auf 18 Grad abgekühlt.
Mein Reisegefährte kümmert sich, dass alles gut und schön ist. Es fällt mir leicht und ich genieße, es geschehen zu lassen. Normalerweise ist das gar nicht meine Art.


Sóller. Botanischer Garten
„Komm hoch und lass dich gehen“ – das ist der Werbeslogan der historischen Straßenbahn von Sóller.
Man könnte ihn auch für den Katamaran auf dem Meer verwenden. Seit einigen Tagen liegt er dort und wankt. Wir stellen uns vor, wie unmöglich es sein muss, darauf eine Tasse Kaffee zu trinken! Hoffentlich haben die Passagiere ein Notquartier. Wir nehmen trotzdem den Bus bis Soller. Die Berge, die links an uns vorbeirauschen, sind ziemlich hoch. Sie gehören zu den Ausläufern der Serra de Tramuntana, die erst so richtig in Sóller loslegen. Der höchste Berg, der Puig Major, ist 1450 Meter hoch. Wir lassen die Berge hinter uns und kehren in der Kneipe „Bar Stop“ ein, wo wir ein einfaches Mittagessen mit Okra-Gemüse und einen gut gelaunten Koch vorfinden.

Mittlerweile regnet es ganz beträchtlich, aber es ist relativ warm. Im Botanischen Garten kaufe ich mir einen Regenschirm für fünf Euro. Zu zweit geht es sich doch leichter unter zwei Schirmen. Ich bin von den Pflanzen begeistert. Vor allem von den vielen Kakteen, die bis in den Himmel ragen. Endlich sehe ich Zwergpalmen, die einzigen Palmen, die hier ohne menschlichen Eingriff vorkommen würden. Und ich sehe, wie hohe Kokospalmen aussehen, wenn man sie nicht schneidet und zurechtstutzt. Das sieht eher wie ein Fell aus.
Die Kellnerinnen am Hauptplatz in Sóller sind so unfreundlich wie in Wien. Das ist ungewöhnlich für Mallorca. Aber wir sitzen so gut, dass wir den Nostalgiezug vorbeifahren sehen. So machen das die Touristen.


Nach dem Ausflug nach Sóller kann ich die Größe der Insel und die Rolle der Berge hier besser einordnen. Am Abend beobachte ich, wie zwei männliche Hotelgäste sich streiten. Am Morgen spricht mich eine freundliche Frau auf das Thema Schwimmen an. Solche kleinen Bemerkungen hie und da halte ich gut aus. Mit allen Menschen, die hier wohnen, habe ich Mitleid. Ein vollkommen deplatziertes Gefühl, und trotzdem ist es einfach da.


Im öffentlichen Bus
kommen wir einer Schulklasse nahe. Die Stimmung ist gut. Mir fällt die ungewöhnlich dichte Haarpracht der Jugendlichen auf.


Und innen? Was passiert da?
Der Wind höhlt aus. Das ist innen.

Und der wohltuende Rhythmus, einfach in den Tag hineinzugehen, sich hier und da etwas anzuschauen, zu essen, Kaffee zu trinken und am Markt guten Wein zu trinken.


Flughafen in La Palma
Auf Mallorca gibt es überall Dauerberieselung durch Partymusik oder Longemusik. Sogar auf dem Flughafen. Die Musik lullt ein.

Wien. Rennweg.
In unserem Lieblingslokal an der Ecke stillen wir unseren Ankommenshunger mit einer Grießnockerlsuppe und Ingwertee mit Zitrone. Das Einschleusen in den Alltag, nachdem man an der langen Leine war, hat eine arge Kante. Ich rede schon wieder im Dialekt. Ich stehe dazu, Touristin zu sein. Unberechenbares kann ich daheim ohnehin erleben. Warum sollte ich immer wie ein Sonderfall und eine Geheimtouristin behandelt werden? Allein die Möglichkeit, dieses Meer zu sehen und zu hören, ist ein Privileg.

Ich spüre meine Meerbesuche noch auf der Haut. Wir hatten jetzt eine Woche lang Auslauf. Wie schon gesagt, jeden Tag einen Sonnenaufgang und einen Sonnenuntergang, und am letzten Tag gab es sogar etwas Hagel für mich Winterkind!

Vereinsamen


1
Mich zu verschwenden, das macht mir keine Angst. Eher fürchte ich mich davor, zu vereinsamen, vergessen zu sein, bevor ich weg bin.

2
Wir schmieden keine Pläne. Ich bekomme warme Socken und Licht in einem Buch geschenkt. Hoffentlich lassen wir uns in der kurzen Lebensspanne, die wir auf Erden verbringen, niemals mehr außer acht.

3
In einer Welt, die sich verschworen hat, jeden zu einem von vielen zu machen, liegt echtes Heldentum darin, genau und gerade man selbst zu sein. Dann ist man auch nicht allein.

4
Wenn ich lese, füge ich meinem eigenen Leben das Leben anderer Zeiten hinzu. Ich weiß mich in der Gemeinschaft von Menschen vergangener tausender Jahre. Meine Zeit dehnt sich großzügig in die Geschichte hinein aus.

5
Der Sohn beschreibt sein Abschiednehmen, als wir die letzten Dinge seiner Großmutter wegräumen. Ihm fällt es wie Schuppen von den Augen, dass auch er sterblich ist. Jetzt weiß er noch sicherer, dass er Kinder haben möchte – nicht zuletzt, damit es einmal jemanden gibt, der seine Sachen wegräumt. „So egoistisch bin ich!“, meint er.
Familie scheint zu bleiben …

6
Geh täglich mit jemandem für mindestens eine halbe Stunde lang spazieren!

7
Mir ist kalt, und ich rufe nach „Mutti!“, so laut, dass sie mich jetzt sogar einmal am Telefon zurückruft, um nachzufragen, ob es mir schon besser geht. Irgendetwas in mir sehnt sich nach Geborgenheit und Wärme, nach ständiger Geborgenheit und nicht enden wollendem Wohlbehagen.

Distel


1
Kranksein ist keine helle Freude. Das Leben sorgt dafür, dass mein Glück nicht von Dauer ist. Ich muss mich also mit einer Nettoglücklichkeit zufriedengeben. Tu ich nicht.
2
Er hat in einem Spieleseminar gehört: „Der Körper schaut auf dich, aber du schaust nicht immer auf den Körper!“ Ich sage: „Was ist das denn für ein Blödsinn?!“
3
Sie ziehen ein Leben in großer Sicherheit einem Leben mit größtmöglicher Lebendigkeit vor. Man sieht es ihnen an ihrer Körperhaltung, ihrer Mimik, ihrem gesamten Erscheinungsbild an. Und in ihrem Garten wächst nicht einmal eine kleine Distel.
4
Der Sinn von Politik ist Freiheit, sagt Hannah Arendt, und Freiheit ist nicht gemütlich.
5
Freundlich zu sein ist heutzutage ein Akt der Sabotage.

Dazwischen II


1
Die kostbare Möglichkeit eines letzten Gesprächs.
2
„Ich bin dankbar, dass ich auf mein Herz gehört habe und gestern noch bei ihm war.“
3
Die Camera Obscura liegt vor mir auf dem Tisch. Ich muss noch ein sehr leichtes und sehr dunkles Tuch suchen, um sie im Freien abzudecken. Die Aufnahmen, die man damit machen kann, wirken wie aus einem Traum gestanzt.
4
Und dann liegen da auch noch an die 30 Foto-Porträts von mir auf dem Tisch. Alle sind in elfenbeinfarbene Passpartouts gesteckt. Mich selbst in diesen unterschiedlichen Weisen zu erkennen, erfüllt mich mit warmer Zufriedenheit.
5
Die Zeit reicht nicht aus – niemals, der Tag, an dem ich endlich alles im Griff habe, wird nie kommen. Ich warte auf die Pause zwischen zwei Gedanken, während ich am Fenster sitze und in den Himmel starre. In dieser Lücke ruhe ich mich aus.
6
Ich höre den Ratschlag: „Wenn Ihr Partner nach Hause kommt, unterbrechen Sie für 20 Sekunden alles, was Sie gerade tun, begrüßen Sie ihn und schenken Sie ihm für ein paar Minuten Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.“ Ob ihm das taugt, frage ich mich.
7
„Schreibst du Tagebuch?“
„Nein, ich merk mir das alles!“

Belanglosigkeiten


1
Wozu ist man verpflichtet? Zum Beispiel zur Unschicklichkeit. Jede sollte mehr Gefallen an Unschicklichem als an Beschönigtem finden. Zwar stört das Beschönigte niemanden, aber es ist belanglos.
2
Der Verkäufer im Keramikladen begegnet mir ganz pragmatisch und geht mir gar nicht auf die Nerven. Wir sind uns schnell einig, so wie ich das mag, das Einkaufen. Kurz und schmerzlos. Man zahlt ja eh genug, da will ich ausschließlich kompetent beraten und nicht irgendwie betudelt werden.
3
„Du weißt, wo du mich findest!“
Männer in meinem Alter sind schon oft ungenießbar: Sie haben keine Ahnung (mehr) von angewandtem Feminismus, sind resigniert, griesgrämig. Und gleichzeitig patriarchalisch dominant in der Öffentlichkeit. Da ist jetzt nichts mehr zu machen. Warten wir auf die nächste Generation?
4
Seine Bücher riechen nach Literatur und nicht nach gelebtem Leben.
5
Sein Haus ist abgebrannt. Aber er kramt nun das Sprichwort aus seiner Kindheit hervor: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“
6
Ich freue mich darauf, etwas zu stricken! 🙂
7
Mut muss man lernen.
8
Busfahren ist supercool.

Fleisch


1
Die Tante tischt Wurstbrote auf und reicht mir armenischen Granatapfelwein dazu.
2
Ganz, ganz viele rohe Eier zerschlagen! Am besten auf dem Körper einer geliebten Person.
3
Mein Besuch bei ihr fällt frisch und belebend aus. Sie berichtet von ein paar gescheiterten psychotherapeutischen Begleitungen: „Bitte stell dir niemanden vor“, so beginnt sie ihre Erzählung. Das bewirkt natürlich das Gegenteil bei mir, aber zum Glück fällt mir niemand ein. „Die Mutter meiner Klientin schaut mich nicht mehr an. Dabei hatte ich nur von einer Analyse abgeraten, da diese zu lange dauern würde und dass es einfachere Methoden der Bewältigung gäbe …“
Sie erzählt von einem Lehrmeister, der ihr beim gemeinsamen Mittagessen selbst wie ein von einer Manie geplagter Mensch vorkam. Als sie ihm das rückmeldet, meint dieser bloß: „Ja, manisch, das bin ich schon lange, ich habe nur vergessen, die Medikamente zu nehmen!“
Sie erzählt vom Café Savoy, das untertags zwar plüschig daherkommt aber dezent freundlich im Umgang mit den Gästen ist. Am Abend wird aus dem Café eine Schwulenbar. Sie und ihr Liebhaber wurden von der diensthabenden Oberkellnerin gefragt: „Wie lange seid ihr schon zusammen? Es ist so schön, euch zuzuschauen!“ Das tat der Liebhaberin gut!
4
Nur wenn man vergisst, kann man neu beginnen …

Rasten


1
Auch wenn man es mir nicht ansieht, bin ich ab und zu gerne in großer Gesellschaft. Vor allem singe ich gerne. Das Gegenteil wäre: Bedrückt sein von einem Gefühl der Unbeteiligtheit, des Zurückbleibens, von zerbrochenem Hausrat. So wie die Vase, die mir heute zu Boden gefallen ist und nun in Scherben vor mir liegt.
2
Er erwähnt, dass die Kinder ihn und seine Frau als sehr alt einstufen. Das bedeutet, als nicht mehr ganz zurechnungsfähig und belastbar. Auch das selbständige Denken trauen sie einem nicht mehr zu, die Kinder. Der Sohn fragte unlängst: „Wie lange möchtet ihr denn noch im Geschäft stehen?“ Seine Frau antwortete: “Bis ich tot bin“ Danach herrschte einmal kurzes Schweigen. So geht altersmilde!
3
Könnten meine regelmäßigen Kopfschmerzen möglicherweise nicht auf meinen sehr dezenten Alkoholkonsum, sondern auf eine stetige Alltagsanspannung zurückzuführen sein, der ich nicht mehr gewachsen bin? Das würde mich beruhigen. Ganz auf Alkohol zu verzichten, gefällt mir gar nicht. Ich werde an meiner Entspannung arbeiten!
4
Renovierungsarbeiten an ausgewählten Körperteilen vornehmen.
5
Was allen Menschen gemeinsam ist: Sie erzählen gerne von ihrem Leben, gerne auch sehr detailliert, überwältigt vom Interesse eines anderen und in der Hoffnung auf Verständnis für ihre Sicht der Dinge.
Niemand ist im Besitz der Wahrheit, sondern auf der Suche danach. Diese Suche ist immer das Werk Vieler, die versuchen, nicht in die Irre zu gehen.

Steinbock


1
In Amerika geht es bei allem, was man unter Wokeness versteht, anscheinend in Wirklichkeit um eine Gegenbewegung zum Exodus der Frauen aus dem häuslichen Bereich ins öffentliche Leben. Das wird sich wohl auch in Europa so entwickeln.

2
Die Weinsegnung im Waldgasthaus zu Johannis ist eine wilde Mischung menschlicher Äußerungen und wirkt wie aus der Zeit gefallen. Die Vorsitzende der Veranstaltung empfängt sexy gestylt die Ehrengäste. Der Hauptorganisator ist im Hintergrund aufgeregt und darum bemüht, dass keine Pannen passieren. Gschamster Diener. Es gibt einen strikten Zeitplan. Zwei Frauen führen die Segnung durch, gediegen und ökumenisch. Zwei andere Frauen zitieren Weinsprüche, die unter der Gürtellinie angesiedelt sind. Der Wein fließt, aber nicht übertrieben, da der Wirt schließlich auch mit dem Bier ein Geschäft machen soll. Die Wirtin und der Kellner stehen nervös in den Startlöchern, um das Essen aufzutragen. Dabei handelt es sich um Gans, Rotkohl und Knödel. Die hohe Politik sitzt gemeinsam an einem Tisch. Die Musikanten spielen wie eine Beerdigungscombo und zudem so richtig falsch. Sie bekommen eine extra große Portion Essen, damit sie aufhören. Die Jäger unter den Winzern halten sich heute mit ihrem Latein zurück. Die Nacht ist lang und dunkel.

3
Jetzt möchte auch ich mich einmal über Altersdiskriminierung beschweren: Ich möchte doch auch gesehen werden, ohne lächerlich zu wirken bzw. ohne von den Jungen weggekickt zu werden. Und ich frage mich: Wie muss es meiner Mutter wohl damit gehen?

4
Menschen, die am Sterbebett von der Schönheit einer Kastanienblüte schwärmen, verstehe ich viel besser als diejenigen, die sich um ihr materielles Erbe sorgen.

5
Die Sozialarbeiterin meint pragmatisch: „Wenn du mehr hast, als du brauchst, bau einen größeren Tisch!”

Geburtstag


1
Ich kann während der Bus- und Bahnfahrt nach Wien all die freundlichen Geburtstagsgrüße am Handy würdigen. Das Kaffee Oberlaa am Zentralfriedhof in Wien empfängt mich mit einem Glas Sekt, einer Melange und einem Maronikipferl. Die Gräber von Johanna Dohnal und Barbara Prammer wärmen mich zusätzlich, obwohl sie eher im Abseits liegen.

2
Ein paar harmlose Wolken …?

3
Wenn ich Texte von Viktor Frankl im Radio höre, dann kann ich mich vergewissern, dass ich ein glücklicher Mensch bin. Ein glückliches Leben habe ich auch ohne Viktor Frankls Gedanken.

4
Familien als Schutzräume, in denen sich alle ausprobieren können, mit ihren Gefühlen und Sehnsüchten …. Da müssen sich alle an eine Bedingung halten, dass die Mitglieder in der Lage sind, die Ebene zu wechseln, zu hinterfragen, was gerade geschieht – und warum es geschieht. Sie müssen dazu in der Lage sein, die eigene Rolle zu sehen und darüber hinaus – um in einer spielerischen Ballence zueinander – den gemeinsamen Raum offen zu halten. Je wichtiger die Familie, desto mehr lastet auf ihr… Vor allem kann man in den seltensten Fällen recht behalten – außer man verzichtet auf Beziehung. Und die Vergangenheit aufzuarbeiten: großer Irrtum! Großer Fehler! Die Bemerkung eines Freundes, die Familie könne man ruhig links liegen lassen, reizt mich manchmal richtiggehend!

5
Ich tue es nicht gerne, aber wenn es dir wichtig ist, tue ich es für dich….

6
Wo ich dich wohl jetzt in Gedanken suchen soll?

7
Alle großen politischen Aktionen bestehen in dem Aussprechen dessen, was ist.

8
Leben. Ständig etwas Wichtiges nicht zu wissen.