Autormartha

Ein Sommertag in Györ

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In Győr ist ein Barockfestival angekündigt. Erwarten uns dort jetzt Straßenmusikant*innen? Das würde mir gefallen.

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Dass wir uns das so vorstellen können, finde ich wunderbar: Die drei Flüsse von Győr erwarten, empfangen und umarmen uns. Raab, Rabnitz und Mosoni-Donau. Ich nehme ein Stück Schwemmholz aus Nexing mit und hoffe, nach der kurzen Reise mit einem weiteren wieder zurückzukommen.

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Wir bewegen uns mit dem schönsten Verkehrsmittel: zu Fuß, langsam, durch die Stadt.

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In der Stadt wird viel gebadet, Boot gefahren, gerudert und gepaddelt.

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Hier geht es jetzt einmal nicht um Entspannung, sondern um die richtige Spannung!

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Die Ausstellungen, die wir besuchen, berühren uns ganzheitlich: Die Ausstellung der Keramikerin Margit Kovács im schönsten Haus der Győrer Innenstadt, die Ausstellung eines Sammlers, der ungarische Malerei zeigt, unter anderem ein zartes Bild mit Bank und Wäldchen von István Szőnyi oder Zeichnungen von Jenő Barcsay, von dem ein ausführliches schriftliches Standardwerk zu seinem Schaffen aufliegt.
Die Ausstellung der chinesischen Krieger erinnert mich an die Stollenbesichtigung im Museum KZ Ebensee heuer im Sommer.

Mein Reisebegleiter weist mich auf die Hasenjagd-Skulptur hin, die den jüdischen Schriftsteller Miklós Radnóti zeigt, der in den letzten Kriegstagen 1944 als völlig Entkräfteter aus der Stadt getrieben wurde, auf dieser Menschenjagd zu Tode kam und verscharrt wurde. Einige Jahre später bettete man seinen Leichnam in ein Grab um. Dabei fand man seine Gedichte, die er auf diesem letzten Weg bei sich getragen hatte. Dieses Gedicht befand sich in seinem Notizbuch:

Neben mir stürzt ein Körper, er dreht sich noch um,

sein Blut fließt auf die Erde, gerinnt im Gras.

„Steh auf, mein Freund, es ist vorbei …“ flüstert es mir zu,

doch ich weiß: Mein eigener Tod reift schon in diesem Blut.

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Mein Reisegefährte verwöhnt mich mit Geschichten, die allerdings meist trauriger Natur sind.

Er zeigt mir das ehemalige Zollhaus, in dem er früher wohnte: ein kleines weiß-braunes, ebenerdiges Eckhäuschen mit kleinem Garten beziehungsweise Hof. Für eine Familie mit drei Kindern war es wohl sehr klein. Aber es gab genügend Auslauf, über die Straße hinweg zur Mosoni-Donau, zu den Fischerbooten und in den Auwald.

Er erzählt mir vom Nachbarn, der ihn als kleinen Jungen zum nächtlichen Fischen eingeladen hatte. Natürlich wollte der Bursche mit. Allerdings schlief er auf dem Boot sofort wieder ein. Der Fischer hatte damit gerechnet und ließ ihn schlafen.

Oft erzählt mir mein Reisegefährte von seinem Hund, einem Mischling, dem er einmal das Leben rettete. Der Hund sprang von einem Boot aus ins Wasser, weil er wohl annahm, der dichte Algenteppich sei fester Boden. Dabei verhedderte er sich in den Algen und wäre beinahe ertrunken. Schließlich angelte ihn mein Reisebegleiter heraus. Selbst im Bootsinneren machte er noch verzweifelt-hilflose Schwimmbewegungen und beruhigte sich erst lange nach diesem Schock.

Nach dem Umzug vom Zollhaus in die Wohnung in der Stadt beziehungsweise ins Internat konnten und wollten die Eltern den geliebten Hund nicht mitnehmen, weil es damals undenkbar war, einen Hund in einer Wohnung zu halten. Ihn ins Internat zu schmuggeln, war ebenfalls unmöglich. Die Zeiten waren brutal. Der Hund wurde sich selbst überlassen.
Wochen später fuhr mein damals noch sehr junger Reisegefährte ein letztes Mal zum Zollhäuschen. Dort wartete der Hund und legte sich auf seine Füße.

Er erzählt mir vom Gefängnis Kommunismus. Zur Identifikation gab es lediglich einen Personalausweis. Der Antrag auf einen Reisepass führte in eine endlose Vertröstungsschleife: Ja, nächstes Jahr. Dann wieder: nächstes Jahr. Dann: Machen Sie erst einmal den Heeresdienst, dann gibt es eine Chance. Diese Chance wurde genutzt, bedeutete aber zugleich den Abschied für immer von diesem Land.

Er zeigt mir ein relativ großes weißes Haus, das etwas anders aussieht als die übrigen. Früher lud es meinen Reisegefährten dazu ein, von der Ferne und einem anderen Leben zu träumen. Die Thujen-Bäume davor wirkten wie Pinien oder Zypressen des Südens.

Er zeigt mir die Bar über einem Restaurant, deren Besuch sich in kommunistischen Zeiten hauptsächlich privilegierte Kader (nannte er sie zwielichtig?!) leisten konnten. Hier gab es Livemusik, einen langen Tresen und außergewöhnliche Getränke.

Wie kommt man auf die Idee, Grenzen von innen dichtzumachen?

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Die Kellnerin in unserem Lieblingslokal an der Donau blüht erst beim dritten Besuch auf und wird freundlich und zuvorkommend. Wir bestellen Fischsuppe und Túrós Csusza, Topfennudeln mit Speck. Über diesem städtischen Schmuckkästchen nahe Wien liegt eine gewisse Touristen-Lethargie.

Grammelpogatschen und Fröccs. Kisfröccs (kleiner Fröccs), Nagyfröccs (großer Fröccs), Hosszúlépés (langer Schritt). Ein Fröccs ist die ungarische Variante des weißen Spritzers. Das Sodawasser in unserem Lokal ist mittlerweile leider lasch und hat viel zu wenig Kohlensäure.

Zum zweiten Frühstück eine Klobasse auf dem Markt?

Wir suchen und finden das Lokal, das für seine großen Schmalzbrote berühmt ist. Leider haben wir jetzt keinen Hunger mehr.

Zum Schlafengehen gibt es trotzdem noch Raffaello-Eis.

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Auf dem Nachhauseweg vom Ausflug in die Stadt, es ist schon nach 22 Uhr, ist das Barockfestival zu Ende. Die letzten Maskierten verschwinden in den dunklen Straßen. Die Stadt selbst war beste Kulisse. Die vielen barocken Häuser, Fassaden und altmodischen Laternen verführten zu einem Blick in die Vergangenheit.

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Beim nächsten Mal bleiben wir ein paar Tage länger. Dann finden wir leichter Zeit, in die Wälder und Weinberge hinauszufahren oder gar das Städtchen Szentendre zu besuchen, in dem seit den 1920er-Jahren viele ungarische Künstler*innen Heimat und Bleibe fanden.

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Die Seele baumeln lassen.

Almhaus

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Jetzt habe ich das richtige Wort für meine Bleibe gefunden: Es ist ein Almhaus. Ein Eichelhäher fliegt vorbei. Der Vermieter des Almhauses mag es nicht, wenn hier Schwalben einziehen; sie machen doch sehr viel Mist auf dem Balkon. Er hat die alten Schwalbennester entfernt. Man sieht noch Spuren davon an den Dachbalken.

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Beim Wandern rieche ich Weihrauch. Die Bäume, das Harz der Lärchen und die Rinde der Zirben duften in der Wärme der Sonne wie ein Weihrauchgefäß.
Im Almgasthaus schnappe ich den Satz auf: „Ich arbeite jetzt an einem schönen Dekolleté.“ Das ruft Erinnerungen hervor. In meiner Jugend war es geradezu verpönt, zu wenig Stoff im Ausschnitt zu haben. Fast unausgesprochen war klar, dass nur leichte Mädchen einen Spalt zeigen. Ich bestelle einen Schnaps und bin froh, dass sich die Zeiten ändern.

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Fluss. Gemeinsame Lebendigkeit. Ich tauche ins Astner Moos ein. Der Bach fließt durch mich hindurch. Er ist mein Bruder.

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Alles ist in Ordnung. Und jetzt zeige ich es ihnen!

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Nach einer Viertelstunde Gespräch mit der Nachbarin habe ich das Gefühl, intensiv gearbeitet zu haben. Zusehends schwindet mir die Kraft für soziale Kontakte. Ich steige erst dann aus dem Auto aus, wenn ich mir sicher bin, auf dem Weg vom Parkplatz zur Wohnung niemandem zu begegnen.
Dabei liebe ich die Menschen, das Miteinander. Mein Supervisor sagt, ihm gehe es auch so. Dagegen müsse man sich nicht groß wehren. Vielleicht werde das mit der Zeit auch wieder anders, meint er. Ich betrachte alles mit ambivalenten Gefühlen. Gott sei Dank sind die Bäume in der Hollitschn auch meine Nachbarn, ein Teil meiner Familie.

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„Er sah den Berg nur für Sekunden, den Rest seines Lebens hielt er das Bild gegen den Lärm der Zeit. Vielleicht ist das der eigentliche Triumph: dem Erhabenen nahe zu sein, ohne es zu besitzen.“ (Über Fritz Kolb, den Vater von Helga Kromp-Kolb.)

Grado

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Was ist das nur für ein Zeichen, dass ich im September kaum zum Schreiben gekommen bin? Und gleichzeitig fühle ich mich sehr müde, und zugleich ist zu viel los. Ich finde kein rechtes Maß. Die Weinlese, die Arbeit, das neue Kunstprojekt, der Garten und die Fülle an Früchten und Menschen.

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Die Übernachtung im Hotel Südrast hat dann doch ihren eigenen Charme. Das Personal ist auffallend freundlich, und das überteuerte Essen schmeckt gut. Beim Frühstück gibt es Eierspeise. Und einen Hotspot vom Kellner. Ich höre kaum ein österreichisches Wort; die meisten Angestellten haben eine andere Muttersprache: Slowenisch, Slowakisch, Ungarisch, Italienisch und für mich nicht Erkennbares. „Außerhalb der Saison“ suchen viele Menschen hier Quartier.

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Heute fahren wir durch das Kanaltal Richtung Grado. Noch begleitet uns die Fella. Und bald fließt sie in den Tagliamento. Mein Arbeitskollege verbringt seine Herbstferien zeitgleich in Valdobbiadene, die Tochter besucht Rom, und wir trudeln bald in Aquileia zu einem ersten italienischen Mittagessen ein.
Wir fahren gerne nach Aquileia, weil der Name so verheißungsvoll klingt.

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Wir werden älter. Mittlerweile liebe ich es, am Meer zu sitzen.

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Heute wäre der 56. Hochzeitstag meiner Eltern.
Ich fühle eine satte Zuneigung zu ihm. Die Grundlage dafür ist nicht ein großes Verstehen, sondern unsere gemeinsame Vergangenheit und das viele gemeinsam Erlebte. Das haben wir so eingerichtet. Ich versuche, ihn regelmäßig aus der Reserve zu locken. Er versucht, mir regelmäßig zu entschwinden, um Nähe zu spüren. Wir beide sind müde von den vergangenen sechs Wochen, von der Arbeit, von der Lese, von unserem gemeinsamen Leben. Iris Radisch sagt über Ingeborg Bachmann:
„… doch träumte sie von einem utopischen Land jenseits der Zeit, in dem Männer die Frau in ihrem Inneren und Frauen den Mann in ihrem Inneren zu Wort kommen lassen. Ihre Untröstbarkeit hilft uns darüber hinweg, dass dieses Land noch immer auf keiner Landkarte zu finden ist.“
Bachmanns Grab befindet sich auf dem Friedhof Annabichl, Abteilung XXV. Ein Grund, in Klagenfurt Halt zu machen.

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In der Früh gehen wir schwimmen, also ich gehe ins Meer, und mein Mann schaut aufs Meer. Das Wasser ist sehr warm, wärmer als die Luft. Ich mache ungewöhnliche Dinge, denen ich nicht auskomme. Ich nehme von der Strandpromenade einen frauenloser Regenschirm mit. Er lehnt an einem Müllkübel. Er ist durchsichtig und hat ein kleines Loch. So einen Schirm wollte ich immer schon haben! Am Meeresufer nahe unserem Quartier liegt eine nass verdreckte Wolljacke auf den feuchten Steinen. Nachdem wir schon dreimal daran vorbeigegangen sind, nehme ich sie mit und wasche sie gründlich im Waschbecken unseres Quartiers. Sie ist noch tragbar. Beim Schwimmen lasse ich unabsichtlich meine Unterhose am Strand liegen. Vielleicht nimmt auch sie jemand mit.

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Das hier ist ein gutes Eck, das Café Ai Patriarchi, mein Lieblingslokal. Der Wirt trägt – so, wie es sich für Italien gehört – richtig gute Brillen. Der linke Rahmen hat eine andere Farbe als der rechte. Natürlich ist die ganze Fassung sehr auffällig, nicht nur die Farbgebung.
Einige verlorene Männer sitzen am ersten Tisch ganz vorne am Weg und schweigen trinkend vor sich hin. Ein paar Passanten schlendern auf der unbefahrenen Straße. Ein paar Möwen fliegen über uns hinweg. Drei große Olivenbäume spenden Schatten.

Shoppen

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In der Lugner City gibt’s einen MediaMarkt. Auf der Brünner Straße gibt’s einen, und im G3 ebenfalls. Hier finde ich alles, was ich in der Küche neu brauche: einen Stabmixer mit 1500 Watt Leistung, einen neuen Wasserkocher und eine externe Herdplatte für die Sommer- und Winterküche.

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The Order of the Third Bird – eine Vereinigung von Künstlerinnen und Künstlern, die sich um das Thema Aufmerksamkeit bemüht. Sie versammeln sich beispielsweise für eine halbe Stunde schweigend vor einem Kunstwerk, um es gemeinsam im Stillschweigen zu betrachten, und gehen danach wieder auseinander. Das erinnert mich daran, wie gerne ich in einem Schweigechor singen würde.

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Béla Bartók mit seinem Mandarin und ein schönes Landschaftsbild von Zoltán Kodály. Auf einem Stehplatz im Großen Musikvereinssaal. An einem Sonntagvormittag. Die Wiener Philharmoniker geben absolute Sicherheit. Der Saal ist berstend voll. Die Luft auf dem Stehplatz ist dicht, aber interessant. Wir verlassen die Tribüne trotzdem in der Pause, weil eine Halbzeit reicht, um sich zu freuen.

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Nach dem Einkauf gehen wir auf einen Kaffee. Mein Begleiter erzählt die Geschichte von einem Wirt in Gaweinstal, der für den Rumtee, den die Arbeiter nach der Schicht bei ihm bestellen, ein Schwarzteesackerl dreimal verwendet. Das nenne ich Sparsamkeit!

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Die Grazer Bürgermeisterin, eine Kommunistin, verdient rund 9.000 Euro im Monat. Alles bis auf 2.300 Euro stellt sie bedürftigen Menschen in Graz zur Verfügung. Sie legt ihr Gehalt offen, so wie alle Kommunistinnen und Kommunisten in Graz, die in der Stadtpolitik tätig sind. Was daran ist falsch? Tatsache ist: Ich habe von allem genug.

 

 

Wien im Herbst


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Hafenkneipe

Handelnde Personen:

  • Erster Gast, an der Bar stehend
  • Zweiter Gast, an der Bar lehnend
  • Dritter Gast, an einem Tisch nahe der Bar sitzend
  • Renate, Kellnerin
  • Porschebesitzer, im Gastgarten sitzend
  • Ich, mit dem Rad an der Hafenkneipe Rast machend
  • Reisegefährte, alles beobachtend

In der Hafenkneipe gilt Selbstbedienung. Aus diesem Grund gehe ich ins Innere des Lokals, um zu bestellen.

Renate: Bitte?

Ich: Ein Achtel Wein, ein kleines Soda, ein großes Bier und eine Käsekrainer, scharf, bitte.

Renate: Nicht so schnell!

Ich, langsam: Ein Achtel …

Renate: Vom Guten?

Ich, irritiert und zum ersten Gast gewandt: Vom Guten? Vom Schlechten? Was soll ich darauf sagen?

Erster Gast, mit dem Zeigefinger an den Lippen flüsternd: Nicht viel sagen, am besten nix sagen!

Renate beginnt in der Zwischenzeit, meine Bestellung herzurichten: Sie haben Glück, ich hab noch zwei Käsekrainer. Wollen Sie nicht beide nehmen?

Ich: Danke, nein, mir reicht eine. Aber der Porsche draußen vor der Tür interessiert mich. Wem gehört er denn?

Renate, ein wenig abwertend und auf einen Gast im Gastgarten deutend: Dem da draußen!

Ich: Gut, dann muss ich mir den da anlachen!

Renate: Das nutzt nix, der ist schon fix vergeben. Hab’s auch schon versucht.

Ich: Ich will ja nur eine Runde mit dem Porsche drehen.

Zweiter Gast: Da werden Sie kein Glück haben.

Somit ist das Thema für mich wohl abgehandelt. Renate hantiert weiter mit einer Bouteille vom Guten.

Ich, leicht anbiedernd: Kann man hier ein Zimmer nehmen? Es gefällt mir bei euch!

Dritter Gast: Nein, das ist reines Industriegebiet. Die nächsten Zimmer gibt’s in Mannswörth.

Erster Gast: Wenn Sie allerdings am letzten Zimmer interessiert sind, dann sind Sie hier richtig. Das gibt’s hier schon.

Ich: Ja, hab schon gehört, der Friedhof der Namenlosen ist ja ganz in der Nähe.

Zweiter Gast: Da war ich noch nie, obwohl ich so oft in der Hafenkneipe bin.

Erster Gast: Dort ist eine ganz besondere Stimmung. Musst mal hinschauen, ganz außergewöhnlich …

Renate, inzwischen fertig mit ihren Verrichtungen: So, lassen Sie’s sich schmecken!

Ich nehme an unserem Tisch im Gastgarten Platz und genieße ein wirklich gutes Achtel Wein und eine halb eingetrocknete Käsekrainer. Es war ja schon 14 Uhr, der Mittagstisch längst vorbei. Die Atmosphäre ist hervorragend. Der Gast mit dem Porsche verlässt vor uns die Kneipe und dreht beim Wegfahren, wie im Film, so richtig laut auf und beschleunigt auf 280 oder so ähnlich. Ein einzelner ÖBB-Waggon fährt hinter der Kneipe langsam vorbei. Dahinter hört man die Donau leicht plätschern. Es riecht ausnahmsweise nach Ölhafen und nach Wasser.

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Zwei weitere Lokalempfehlungen für die Hafenfreundin:


Donauweibchen

Mohr im Hemd und Cappuccino, wie er früher an Autobahnraststätten geschmeckt hat: aus einer schon lange nicht mehr geputzten Kaffeemaschine. Der Ausblick ist hervorragend. Rund um das Containerlokal blühen bunte Blumen in Kisten. Frisch ausgepflanzte Feigen-, Apfel- und Pfirsichbäumchen zieren die Böschung. Der Bus hält direkt vor dem Lokal, und die Lkws donnern über die Hafenzufahrtsstraße.

Donauinselspitz

Wanderer- und Radlertreff.
Die Hüttenwirtin spielt mit dem Handy. Es bildet sich schon eine Schlange, bevor sie endlich den Kopf hebt, um nach den kulinarischen Wünschen zu fragen. Speckbrot und Schmalzbrot mit Salzgurken schmecken vorzüglich. Der Sommerspritzer ist spritzig, kalt und ebenfalls mit „dem Guten“ zubereitet.

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Zum Lidl bei der U-Bahn-Station Zippererstraße zu gehen, erfordert Mut.

Festtag

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Ein langsamer Festtag. Langsam in einen Festtag kommen, wie damals im 18. Jahrhundert. Ja, wie war das damals, und für wen galt damals ein solcher Festtag?

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Auch ich sehne mich manches Mal nach so richtig gemütlichem Beisammensein. Einmal die Woche reicht allerdings. Alles andere wäre Weltflucht.

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Mich in meinen liebevoll gepflegten Lebenslügen verstricken und es gut sein lassen.

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Aus einer einzigen Szene eine ganze Welt entstehen lassen.

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Es mit der Selbstverwirklichung doch weniger ernst nehmen.

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Das existenzielle Ganze betrachten.

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Den Reichtum sehen, der ohnehin schon da ist.

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Nichts Lebendiges zerstören.

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Radikal aufmerksam sein. Zuhören. Nicht sofort die eigene Geschichte dazulegen. Zwischen den Zeilen lesen. Wer beim Zuhören daran denkt, dass er zuhört, hört nicht zu. In diese Falle tappe ich regelmäßig.

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Mich ganz einer Sache widmen.

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Dir.

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Im Geheimen Großes leisten und es nie und nimmer jemandem zeigen.

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Wir hören zur Feier des Tages Ö1. Es werden nordische Lieder gespielt. Die meisten davon stammen aus Finnland, aus dem hohen Norden, wo noch Samen leben. Eines davon berührt mich besonders. Es wurde für einen Bären, einen Marder und einen Fuchs komponiert.

Stall


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Im Garten beschäftigt mich ein Maulwurf. Er untergräbt alles.

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Es zieht mich in die Fremde. In welche, weiß ich überhaupt nicht.

3
Martha an den Chatbot: „Kannst du bitte den Geschirrspüler ausräumen?“
Chatbot an Martha: „Klar, ich räume den Geschirrspüler für dich aus.“

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Ich brauche im Leben
Halt
Sinn
Sicherheit
Das ist nicht nur bei demenzkranken Menschen so …

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Wasser abschlagen

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Das perfekte Haus der Gastgeberin nimmt uns mit vollkommener Sauberkeit auf. Ein solches Wohngefühl wünsche ich mir für unser Zuhause auch. Und doch scheitere ich täglich daran.

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Auch Menschen mit schlechten Manieren haben eine Weltsicht.

Coloskopie


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Es ist gesünder, es ist aber kein Fortschritt. Ich vermisse es, Alkohol zu trinken, ohne Kopfweh zu haben.

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Welche Wünsche halten mich am Leben?
In einem Hieronymus-Bosch-Gemälde zu wohnen?
Eine Liebe zu spüren, die mich überschätzt?
Die Welt im Rücken zu haben?
Mich für einen Moment in den Schatten zurückzuziehen?
Im Unsichtbaren einen neuen Anfang zu finden?
Ein wachsendes Verlangen nach Überschaubarem zu entwickeln?
Gefühlsfreundlich zu sein?
Mich treiben zu lassen?
Auf Ablenkung zu verzichten?
Ergebnisoffen zu experimentieren?
Mich nicht verbiegen zu lassen?

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Chronisch inaktive Antrumgastritis und Korpusgastritis

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Die Meisen freuen sich über die Feigen, die in den oberen Ästen geblieben sind, die niemand geerntet hat, weil sie so hoch hängen. Jetzt picken sie sie wieder daran. Eine Mönchsgrasmücke hilft ihnen dabei.

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Ein Haus in Schuss zu halten bedeutet echt viel Arbeit.
Und dann koche ich auch noch so gerne!

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Ebensee. So viel Holz, dass man daraus die Glöckler*innenkappen machen könnte, damit der Schrecken des Arbeitslagers beziehungsweise der Stollenanlage wiedergutgemacht würde, wächst im ganzen Salzkammergut nicht.
Mir dreht sich der Magen um beim Anblick dieser archaischen Gewalt, die hier sowohl in den Gedenkstätten als auch im Brauchtum gezeigt und/oder gelebt wird.

Fahne


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Bald hänge ich mir eine Fahne vors Haus! Ich warte damit nicht bis zum nächsten 1. Mai.

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Siehst du, die Bilder bewegen sich!

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Bin ich dir ein Rätsel?

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Glücksucherin. Hallodri.

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Erkenntnis verändert den Menschen.

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Da sitzen doch wirklich 20 Burschenschafter an einem Tisch. Mitten unter ihnen einer mit frischem Schmiss. Und ein Senior. Beim Betreten des Lokals tragen sie die Schleife noch nicht. Beim Sitzen im Lokal haben sie sie sich quer über den Oberkörper gehängt. Das alles ist sehr abstoßend!

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Geh hinein in deine Kraft? Was für eine abgefuckte Formulierung ist das denn!

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Meine Wirksamkeit hängt wohl weniger von meiner Aktivität als vielmehr davon ab, wer ich bin.

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Frühschoppen am Land macht nur Freude, wenn die Frau daheim wartet.

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Nach und nach tränken wir uns, wie die Gießkanne in diesem Sommer, ganz ohne Eile.

Theologie des Alltags


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Ich komme mir klein und unbeholfen vor. Ich darf in einem abgesonderten Winkel die Verrückte spielen. So ist das mit Theologinnen dieser Tage. Wir haben uns zum Narren gemacht und werden dementsprechend behandelt. Weil die Zeiten relativ gut sind, werden wir in Ruhe gelassen. Wir bekommen noch ein Gnadenbrot, weil aus unserer Ecke nichts zu befürchten, allerdings auch nichts zu erwarten ist. So lange, bis ganz auf uns verzichtet wird. Ich führe das Arbeitsleben einer Eintagsfliege.

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Mit großem Aufwand versuche ich immer wieder, mein Leben in Kunst aufzulösen. Mir Zeit zu geben. Mich dafür zurückzuziehen. Mich um Material zu kümmern. Die Inspiration anzuflehen.

Meiner tiefsten Intuition zu trauen. Sie verunsichert mich am meisten, führt mich aber auch am sichersten den Weg entlang.

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Ein auf Verbundenheit bezogenes Alleinsein. Daraus schöpfe ich Seelenfrieden

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Mit einer klaffenden seelischen Verletzung auf einen Zeitgeist treffen. Was passiert dann?

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Motivationsspinnerin!

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Mit meiner Firmpatin telefoniere ich alle drei Jahre einmal. Dann gibt es viel zu erzählen. Wir wollen einander ein paar gute Gedanken mitteilen, das weiß ich.

Kinder, Enkelkinder, Kirche, die Graue-Star-OP, Hassgefühle, Alltagstrott und Bieradventkalender.

Sie möchte mir gerne einen Altsteirerhahn schenken. Sie hat fünf zu vergeben und ich leider keinen Hühnerstall mehr. Jeden Tag kocht sie zu Mittag. Pünktlich um 12 Uhr ist das Essen fertig. Sie geht nur mehr in die Wochentagsmesse. Da gibt es keinen Schnickschnack.

Fehlen dir die Berge nicht?
Wann gehst du wieder auf die Alm? Aber da ist ja ein komplizierter Nachbar in die Nachbarhütte eingemietet … Bist du deshalb so selten da? Wo es doch hier so schön ist!

Sie klingt leicht verbittert. Wenn man nicht aus dem Tal wegkommt, kann das leicht passieren. Und dann schaut sie sich in den Spiegel und versichert sich selbst, dass alles gut ist im Tal und auf dem Berg. Weil das Glücksgefühl, barfuß über den Almboden zu laufen, für ein sinnvolles Leben reicht. Das hat sie zwar schon lange nicht mehr gemacht, aber sie erinnert sich daran, und das ist Glück genug.

7
Heute nehme ich die ersten Feigen vom Baum. Mittlerweile hängen sie so hoch, dass ich einen Früchtepflücker verwende. Immer wenn ich ihn in die Hand nehme, denke ich an den Klingelbeutel, den man (früher?) in der Kirche zum Einsammeln des Opfergeldes verwendet hat.

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Meine Schwester findet in einem Buch von mir, das ich ihr vor Jahrzehnten zum Lesen gab, folgenden Tagebucheintrag auf der ersten, unbedruckten Seite:

27. September 87:

Mir ist klar, dass das Erreichen einer Traumgesellschaft ausschließlich ideologischen Charakter hat und deshalb (fast) unerreichbar erscheint. Trotzdem darf ich träumen und Wünsche in Richtung eines stärkeren Miteinanders hegen und äußern, vor allem dann, wenn ich es zuerst von mir selbst verlange. Und auch deshalb, weil ich sehr wohl in unserer Gemeinde Menschen sehe, die viele Schritte tun, um das Ziel einer liebenswerten Gemeinschaftlichkeit zu erreichen.

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Sie geht mir jetzt schon auf die Nerven, die ewige Selbstreflexion; das geht ja schon so, seit ich auf der Welt bin!

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Simone Weil: Liebe ist nicht Trost, sie ist Licht.