Autormartha

Gut und Böse


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Fuckingdorf. Dort treffen wir einander.

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Ist es zu spät für mich, aus der Schmollecke herauszutreten und nach der Macht zu greifen? …zuerst befehle ich, dass diejenigen, die vom Geist des Geldes besessen und von der Ichsucht ergriffen sind, eine Entziehungskur machen müssen…

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„Das größte Geschenk unserer Eltern an uns, ist deren Armut an Geld“, sagt meine Freundin Angela.

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Ein Jedermann liegt hinter mir.
Wie krank ist das denn, jede Menge Geld für Karten, Essen und Wohnen in Salzburg hinzulegen und mir genau dieses Stück anzuschauen!
Der Bachchoral gefällt mir am besten. Die schauspielerische Leistung ist solide. Das Bühnenbild auch. Großes, langweiliges Theater. Berührt hat mich nur die lange Stille nach dem Auftritt der beiden Vettern.

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Die Verletzungen, die man sich innerhalb der Familien zufügt, die sind allerorts  gravierend. Wir sitzen am Familientisch und erzählen einander. Mein Cousin mit seiner irren Schwester. Meine Schwester mit ihren Schwiegertöchtern. Wir mit unseren Ehepartnern. Alles bitterschwere Arbeit.

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Ich setze mich mit meiner Steinschleuder in den Weingarten und verschrecke Stare.

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Meine Nachbarn sind wunderbar. Sie füttern meine Katze, weil ich das nicht richtig kann. Sie nehmen meine Hühner mit ins Bett, weil diese durch innige Zuneigung mehr Eier legen. Sie beschwören meinen ungepflegten Vorgarten mit Rauchstäbchenritualen, sich doch etwas geordneter zu entwickeln. Sie fangen jeden meiner Gäste vor meiner Haustür ab, um sie vor meiner Griesgrämigkeit zu warnen und ihnen ein Schutzschild in die Hand zu drücken.  Und sie würden es sicher riechen, wenn ich tagelang tot in meinem Bett herumliege um mich dann zu bergen und mit Engelsgesang in den Himmel zu begleiten.

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Ich werde im Krankenhaus ab nun Freiheitsbeschränkung dokumentieren.

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Reguliert euch doch selbst!

Vergehen


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Meinem Pilgerkollegen gefällt die Idee, sich zu vergehen

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Ich stelle meinen Sarg im Büro auf.

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Heute hätte mein Vater Geburtstag. Natürlich Weihrauch. Natürlich Licht.

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Die Mesnerin hat vergessen, Messwein zu besorgen. So nimmt sie heute einfach eine Flasche Hugo zur Wandlung.

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Die Mesnerin vergisst, dass heute keine Messe stattfindet. Sie läutet die Erst-Glocken. Ihr Stellvertreter kommt angerannt und erklärt ihr, dass keine Messe ist!. Sie glaubt ihm nicht. So läuft er durchs Dorf und brüllt laut, dass es wirklich alle hören können: „Heute ist keine Messe und die Mesnerin hat Alzheimer!

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Früher, als die Klein Harrasser noch nach Hohenruppersdorf zur Heiligen Messe gehen mussten, hatten sie in der Kirche einen eigenen Eingang. Also: durch die eine Tür gingen die Hohenruppersdorfer und durch die andere Tür gingen die Klein Harrasser.

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Eine Patientin sagt am Ende unseres Gespräches zu mir: Der Tag ist kurz.“ –
Meiner Psyche bin ich oft schutzlos ausgeliefert. Um damit fertig zu werden gibt es nur die Liebe.

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Wohin geht, was vergeht?

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Manchmal denke ich mir, dass unsere Eltern großartige Kinder erzogen haben.

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Mein Mann sagt zu mir: Die Menschen, die mit mir im Boot sind, sind jene Menschen, die mit Dir im Boot sind!

Reiz


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Die Irritation ist zum Reiz gedacht.

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Die Landesausstellung hatte ein paar Highligthts:

…die Farbe des Schlosses…
…die Info, dass die jungen Störche vorausfliegen in genetich bedingter Sicherheit, was die Zielrichtung angeht. Die Altvorderen müssen sich noch eine Woche lang erholen von der schweren Arbeit der Brutpflege. Auf Gibraltar warten sie zusammen…
…die March fließt stromaufwärts, wenn die Donau Hochwasser trägt…
…das ausgestopftes Modell einer Blauracke…
…die unterschiedlichen Körnungen des Sandes in der Region, ihrer Flüsse und Dünen…
…unter uns: die Alpen (aber das wusste ich schon!)…

3
Sauna ist wunderbar heiß!

Einsamkeit


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Es hat vier Tage ununterbrochen geregnet. Kein Mensch war zu Besuch. Ich mache auch keinen Schritt vor die Tür. Die Einsamkeit hat voll zugeschlagen.

2
Es kann doch nicht sein, dass sie ihr ganzes Glück von der Beziehung zu einem Mann abhängig macht?

3
…die Faszination meines Besuchers ob der ländlichen Einsamkeit und die Antwort der im Landleben Geübten: „Vieles bleibt am Landleben wohl Illusion.“…

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Und ich beobachte eine zunehmende Schweigsamkeit an mir, wenn wir zusammensitzen und miteinander reden. Gerne fällt man mir ins Wort oder lässt mich erst gar nicht reden. Weil ich zu langsam bin. Weil ich unsicher bin, was ich zu sagen habe.

5
Ich kann mir selbst eine Stabilität geben, ohne sie im Außen zu suchen, in den Beziehungen, Gesprächen, Lieben. Ich soll mir eine Stabilität im Rückzug sichern, ich will mich in der Konstanz meiner eigenen Existenz erholen.

6
Streichel mich mal!

Klang


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ein großer Klang sein

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Esel, Mufflons, Steinböcke, Wölfe, Ziegen, Schafe, Kleiber, Rothkehlchen, Hochlandrinder, Eichkätzchen, Wildschweine. Das Schönste im Tierpark waren die Wölfe. Das Heulen eines einzelnen Wolfes. Ein melancholisches Solo.

Ruhe


1
„Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. ich will euch erquicken.“ Mt 11,28

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Ruhe stört die Unruhe unserer Zeit.

3
Die Malerin hat vor 10 Jahren zu malen aufgehört, weil sie die Vernissagen und Ausstellungen nicht mehr ertragen konnte. Sie hatte keine Lust zu erklären, was sie da gemalt hat. Sie hatte keine Lust zu erklären, wie genau die Technik anzuwenden ist, mit der sie arbeitet. Sie hatte keine Lust auf das Event. Jetzt sind wieder die Pferde ihr Gegenüber. Die fragen nicht.

4
„Da geht es jetzt nicht ums Aufpäppeln. Da geht es ums Verabschieden.“
Die Sterbende ist jetzt die Vernünftigere: „Ich möchte meine Ruhe haben. Aber nein, zuerst stürmen die Hunde in mein Zimmer. Dann der Sohn, dann die Schwiegertochter. Dann die Enkelin und dann stürmen alle der Reihe nach wieder hinaus. Ich möchte mein Begräbnis besprechen. Wir leben ja in der Friedhofgasse. Wir haben‘s nicht weit. Da können sie mich ja auf dem Friedhof irgendwo dazugeben. Ich möchte verbrannt werden. Sie können mich auch verstreuen. Ich bin dann ja nicht mehr da. Aber nein, sie kommen damit nicht klar, dass ich sterbe. Deshalb machen sie viel Lärm und Aufsehen um mich nicht einschlafen zu lassen.“
Ihre letzte Worte waren: „Lasst mich doch bitte in Ruhe!“

5
Die ganze Nacht lang schlafe ich gut.
Vorher und nachher gibt es nur einen einzigen Gedanken.

Mystik


1
Taghelle Mystik, nichts erscheint für sich allein, sondern stets als Teil einer ganzen Welt

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Bleib am Singen dran! Die Stimme ist mir das wichtigste Ausdrucksmittel, wenn es um Ekstase geht.

3
Die Jungfernlese ist schon geschehen. Stare haben das erledigt. Der Abend nach dem Tag an dem wir den Verlust bemerken, ist ein trauriger. Obwohl ich mich ablenke mit dem Einkochen von schwarzem Holler, Pfirsichen und Zwetschken, die reichlich an den Bäumen hängen. Und obwohl wir wissen, dass es im Judentum für die Herstellung von koscherem Wein üblich ist, die erste Lese der Natur zu schenken. Die Natur macht einen klein.

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Die Natur ist DAS Ereignis.

 

Hochzeit


Foto: Sara Foser

1
Momente produktiv annehmen und aus Gesprächen den größtmöglichen Spaß destillieren. Ich schrieb mir das als Überschrift über die vielen Hochzeiten, die mir in diesem Sommer nach Corona blühten.

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Am Abend kocht die Tochter ein wohlschmeckendes Abendessen für die ganze Sippe. Eierschwammerl, Steinpilze, Hühnerfilet, frische Erdäpfel, Salate und Kräuter aus dem Garten. Wir reden über Familienkram, Hochzeiten, Schwiegermütter und Schwiegertöchter. Die Männer halten sich im Hintergrund und gehen entweder zur Weinbauvereinsitzung (Frauen sind da nicht zugelassen, obwohl man sich selber dazu eingeladen hätte) oder in einen tiefen Körperschmerz.

3
Wo sind die Männer, die uns das Wasser reichen können???

4
Er und sie wollen ihr Glück teilen und heiraten.
Ich und du nehmen es und beenden den Abend mit einem Streit.

5
„Bist Du grantig?“
Diese Frage bringt mich auf die Palme!

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Liebe = Schmerz

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Ein Universum zu sein für jemand anderes, so viel kann man vom Leben gar nicht verlangen.

8
Der Bräutigam steigt auf dem Fußweg zur Kirche mit den glänzenden Hochzeitsschuhen in einen Haufen Kuhscheiße. Er streift den Schmutz in die Wiese und jemand nimmt ein Taschentuch und putzt den Rest weg. Alle gehen weiter in Gelassenheit, leicht und festlich.

Bewunderung


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…macht nicht klein. Wie Achtung oder Verehrung hat sie nichts mit Unterwürfigkeit zu tun, nichts mit Gehorsam; man schuldet sie niemandem und keiner Sache, man gibt sie freiwillig. Sie ist Ausdruck einer inneren Größe: davon, dass man gelten lässt und gönnen kann.

2
Die kleinen Spinnen am Marchstrand verweben die Uferlandschaft mit hauchdünnen Fäden. So dünn sind die, dass ich sie nur deshalb sehen kann, weil sich der Morgentau in Abermillionen von kleinen Tröpfchen drauflegt.

3
…beim ersten Glockenschlag, der zum Gebet ruft, die Arbeit ruhen lassen, den I-Punkt nicht mehr auf das i setzen, sondern sofort aufhören mit Schreiben, um etwas anderes zu tun…

4
Wen bewundern wir heute? Die Armen? Den Aufopfernden? Die Liebenden? Die Prophetinnen (die da wären)?…

5
Der Garten ist zu viel Arbeit. Weil ich mir die Natur gefügig machen will. Nach meinen Vorstellungen. Die Natur hat meistens etwas anderes vor als ich.

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Auf dem Nachhauseweg sprechen wir wieder einmal über die Statik eines Grashalmes. Am Mühlbachufer wachsen welche, die weit über einen Meter hoch sind.

7
Die ganze Welt, den ganzen Kosmos in einem kleinen Kosmos entdecken. Zum Beispiel im Quadratmeter vor der Haustür. Darin alles sehen. Die ganze Welt.

Nackt II


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In Ö1 gestalten die RadiomacherInnen eine Sendung über das Nacktsein auf der Bühne.

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Der Mann im Stehkaffee an der Tankstelle ist verwahrlost gekleidet. Er zählt sicher schon an die 80 Jahre und weckt ein mitleidiges Gefühl in mir. Weil ich vergangenes Wochenende nur geprasst habe, nicht darüber nachgedacht habe, was das alles kostet. Der Mann zahlt mit einem zerknitterten 5 Euroschein. Die Hände sind voller Sommersprossen.  

3
Er onaniert im Bett. Sie onaniert in der Badewanne. Ich onaniere nirgendwo gern. Außer ich erwache mit einem aufdringlichen Vibrieren zwischen den Beinen und es fast gar keiner mechanischen Unterstützung mehr bedarf, zu einem Lustgefühl zu kommen. Ansonsten ist mir das zu anstrengend und ein bisschen zu blöd.

4
Mammographie, das ist noch blöder.

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Zwei ausführliche Gespräche im Krankenhaus:
Einmal sind Kinder Thema.
Ihre verlorenen Kinder. Kinder, die nur kurz leben und kurz nach der Geburt sterben.
Sein Thema sind seine Zähne und das Unglück.

7
Hab schon wieder gebrauchte Klamotten geschenkt bekommen. Gut, dass ich diesbezüglich keine Berührungsängste verspüre und einfach reinschlüpfe ohne zu wissen, wer das vorher in welcher Art und Weise getragen hat. Auf manchen Teilen hängen noch Haare. In einer Tasche finde ich eine Lesebrille. Ich rieche mindestens zwei Parfumdüfte in den Stoffen.

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Sie legt ihre Hände auf die feuchten Erdkrumen, gräbt mit den Fingern hinein. Sie zieht wie eine Pflanze, Kraft aus der Erde.