Autormartha

Mein sicheres Dorf


1

Manchmal muss ich mich verleugnen, um in Ruhe gelassen zu werden. Oder weil einige Menschen immer ganz genau wissen wollen, wie, womit und mit wem ich meine Zeit verbringe. Ich stelle mir die Frage: Gibt es Menschen, die alles von sich preisgeben? Wie ist das wohl?

2
Ein schlampiges Leben führen.

3
Anscheinend brauche ich 12 Umarmungen am Tag, um mich zu „bewegen“ und wandlungsfähig zu sein. Das ist hoch gegriffen.
Möglicherweise brauchen das die anderen auch.

5
Ich muss in den Krankenstand gehen, um meine ausführliche Zuhör- und Familienarbeit erledigen zu können. Oder ich muss in den Krankenstand gehen, weil ich meine ausführliche Zuhör- und Familienarbeit nicht mehr erledigen kann. Meine Energie lässt derart nach, dass es wehtut.

Der Arzt sagt: „Das ist jetzt einfach so, dass es mit der Energie abwärtsgeht. Du musst es dir jetzt erlauben, kürzerzutreten.“
Ich sage: „Ich habe keine andere Wahl.“
Er sagt: „Ab dem Nachmittag sollst du chillen. Du hast deine Vollzeitaufgabe schon erledigt – das hast du dir verdient.“

Ich kann das nicht glauben.

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Soll ich die Glühbirne im Vorraum wechseln?
Ja, aber nimm keine zu starke. Ich mag es nicht, wenn man alles sieht.

7
Ich bin wegen der Gefühle hier.

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Wohnen Sie da, wo das Leben schön ist?

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Mein sicheres Dorf – das wird meine Gegenwarts- und Zukunftsvision. Mein sicheres Dorf besteht aus lauter Menschen, die mir nahestehen und die ich liebe. Im besten Fall lieben sie auch mich.

Runde Geburtstage


1
Es ist wichtig, selber gut gestimmt zu sein. Also: aufräumen, abnehmen und ein Buch schreiben, das ich immer schon schreiben wollte.

2
Der Freund gibt zu, dass es ihn ziemlich fertig macht, dass jetzt alle den Sechziger feiern … „Und dann bin ich schon in drei Jahren dran!“

3
Ihr Mann moderiert ihre Geburtstagsfeier souverän. Er hat im Vorspann zur Feier Menschen aus ihrem Umfeld darum gebeten, von einem bestimmten Aspekt ihres Lebens in ein „offenes“ Mikrofon zu erzählen. So entsteht ein biografischer Theaterabend. Enkelkinder, Kinder, Geschwister und Schwägerinnen, Freunde und Freundinnen aus verschiedenen Lebensphasen, Arbeitskolleginnen und Streuner berichten. Man ist gerührt – ich bin gerührt, berührt. Und man denkt nun, das Geburtstagskind doch ein bisschen besser kennengelernt zu haben.

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Nach dem Fest war die gespenstische Zahl 80 plötzlich gar nicht mehr so gespenstisch.

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Es wäre tragisch, wenn uns unsere Zeit zu neuen Erwartungen führt, die selbst Sterbende noch unter Druck setzen. Sterben ist doch keine Leistung! Gut zu leben und es zu feiern schon.

6
Es ist wichtig, selber gut gestimmt zu sein. Also: faul herumliegen, zunehmen und ein Buch lesen, das ich immer schon lesen wollte!

foto: eva pitterl-plößnig

Alkoholfreie Mixgetränke


1

Ananasfrucht mixen, Ingwer dazugeben sowie Minze, noch ein bisschen Zitrone und Wasser.

2
Ich bekomme beim Augenarzt sofort einen Termin, nachdem ich erwähne, dass ich im Falle eines Terminengpasses den Sehtest beim Optiker mache!
Mein Augendruck beträgt jeweils 17 mmHg.

3
Seine Großzügigkeit im Umgang mit Zeit und Raum imponiert mir. Einfach laufen lassen, leben und leben lassen. Früher hat er sich gewünscht, dass seine Asche einmal in die Metnitz gestreut wird.
Nachdem er eine Türkin geheiratet hat, sagt sie ihm, dass er ganz sicher zu ihr ins Familiengrab in der Türkei kommen wird.Vor vielen Jahren ist er mit seinen Freunden aus Liebeskummer von Wien nach Bologna gegangen, um für eine Nacht in der Stadt der Verflossenen zu sein.

4
Ich hocke am Yppenplatz gegenüber des unsympathischen Café Frida, und hier, zwei Meter weiter, kann ich ungeniert mit dem Laptop sitzen und arbeiten. Hier ist Messerverbot. Seit einigen Monaten. Ich glaube, der Taschenfeitel ist in meiner Tasche.

5
Die Fingernägel ihrer Enkeltochter schauen so aus: auf der einen Hand rot mit weißen Punkten, auf der anderen Hand weiß mit roten Punkten.

6
Immer den Laptop mitnehmen! Es kommt überall zu Wartezeiten! Der Laptop ist viel wichtiger als der Taschenfeitel!

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Sonst hege ich keine großen Gedanken.

Muttertag auf Ischia


Die Tochter fragt:

Und was machen wir am Muttertag, wenn die Mutti nicht da ist?

Ischia Porto

Ich bin auf einer kleinen Insel gelandet, und ich merke es an allen Ecken und Enden. Der Papst ist in meiner Nähe und feiert mit einer Million Menschen auf dem Hauptplatz von Neapel. Ich bin sehr gerne auf dieser Welt, weil sie so schön ist. Besonders jetzt und hier.

Neapel im Blick zu haben, gibt mir ein Gefühl von Dankbarkeit. Neapel klingt nach Wildheit, Unberechenbarkeit, natürlich auch nach Ungerechtigkeit, Armut und Mafia – nach ursprünglicher Kraft und Rohheit und improvisatorischer Fantasie. Es klingt nach großer Geschichte und großartigen kulturellen und künstlerischen Leistungen.

Mein Arsch sitzt also auf einer Insel, die wohl fast ausschließlich vom Tourismus lebt – und das gut. Mein Körper kennt sich noch nicht so richtig aus. Er tut nach monatelangen Wehwehchen so, als ob alles in Ordnung wäre. Mein Heiler arbeitet in bester Manier. Er hat eine Zecke aus Eibesthal mitgebracht. Am Flughafen hat sich niemand über diesen blinden Passagier aufgeregt. Mein Heiler legt zur Feier des Tages Led Zeppelin auf.

Tui hat alles organisiert – da kann man sich nicht verlaufen.

Wir frühstücken gemeinsam mit einer großen Verwandtschaft. Die weißen Decken auf den vielen quadratischen Tischchen reichen bis zum Boden und ein bisschen darüberhinaus.

Die großen Fährschiffe im kleinen Hafen von Ischia Porto beeindrucken mich. Gleich nach der Ankunft öffnen sie ihre Tore, speien Fahrzeuge und Menschen aus und laden sofort wieder neue ein. Genug Touristen sind da! Doch in der Vorsaison verteilen sie sich unaufdringlich auf der Insel.

Wir finden Platz an einem im Sand versunkenen Bootsrumpf. Die Sonne ist heiß. Neben uns: ein Muttertagsausflug. Eine Nonna mit der bösen und der guten Tochter, drei Enkelkindern und einem Hund. Sie reden kaum miteinander, vieles passiert in Gesten und Blicken. Immer wieder kuschelt sich die gute Tochter an die böse, um irgendetwas zu beschwichtigen.

Diesen kurzen Moment finde ich spektakulär: wenn das Schiff für meine Augen plötzlich aus dem Hafen herausfährt, ich zunächst nur die Spitze des Rumpfes sehe und erst nach ein paar weiteren Augenblicken das ganze Schiff. Es wirkt wie ein Ungeheuer, viel zu groß für die Umgebung. Ich verbringe viel Zeit damit, darauf zu warten, dass wieder ein Schiff ausläuft. Erst wenn es dann draußen im Golf von Neapel davonfährt, stimmen die Größenverhältnisse wieder.

Meinen ursprünglichen Reisewunsch, während dieser Reise ein bisschen zu verwildern, nehme ich mittlerweile zurück – es würde mir gar nicht gefallen. Weil es meiner Haut durch Wind, Salz und Sonne so gut geht, werde ich ganz sanft. Ich bin auf Kur!

Erdbeeren essen, Wasser trinken, dahindösen. Überall Schwalben.

Im Gegensatz dazu: Eine Frau wandert jeden Tag am Ufer entlang, brusthoch im Wasser. Mit wärmenden Handschuhen an den Händen arbeitet sie sich mindestens viermal hintereinander die etwa 500 m lange Strecke entlang.

Der Blick auf Procida ist besonders am Abend herzerwärmend – ein besonderes Lichterspektakel. Wenn ein paar wenige Wolken am Himmel sind, lassen sie die Sonne immer wieder verschwinden. Immer wieder beleuchtet sie andere architektonische oder landschaftliche Elemente: einmal den vorgelagerten Felsen, einmal die Burg auf der Anhöhe, die bis vor Kurzem ein Gefängnis beherbergte, einmal die pastellfarbenen Gebäude, die in den Hügel gebaut sind.

Pompeji

ist auch in gefühlter Sichtweite, und Pompeji ist ein Marienwallfahrtsort. Am Jahrestag seiner Wahl besucht Papst Leo XIV. diese Gemeinde, um Messe zu feiern.

In der Kathedrale von Neapel wird das Blutwunder des heiligen Januarius gefeiert. Dabei verflüssigt sich das als Reliquie aufbewahrte, ansonsten feste Blut des Stadtpatrons traditionell dreimal im Jahr – oder zu besonderen Anlässen, wie einem Papstbesuch. Während des Besuchs des Papstes hat es wieder einmal funktioniert: ein sogenanntes punktgenaues Blutwunder.

Hast du die richtigen Fragen gestellt?

Am Hafen von Ischia Porto

Santa Restituta ist die Schutzpatronin der Insel. Die kreisrunde Form des Hafens von Ischia Porto ist ein Krater.

Ich sitze mit Blick auf das Maul der Autofähre und kann sehen, wie groß die Karren sind, die sie ausgespuckt hat. Die Situation hier am Hafen erinnert mich an Záhorská Ves – nicht nur die Spelunke, in der ich gerade beobachte, sondern auch der Fährbetrieb: diese wilde Mischung aus Autos, Fußgängern, Zigarrenrauch, Dieselabgasen und Wasser. Eine Mischung aus Arbeitsmodus und Urlaubsfeeling.

Ich schlafe am Abend sehr glücklich ein. In der Früh bin ich müde vom vielen Schlafen – ein schon lange vermisster Zustand. Es ist die perfekte Jahreszeit für diese Reise: warme Sonne, frisches Meer, kühle Winde, alles im richtigen Maß.

Allein – große Gedanken zu hegen, das will mir nicht gelingen. Die amerikanische Philosophin Agnes Callard sagt unter anderem, Reisen sei fürs Denken nicht gut. So sehe ich das im Moment auch: Meine größte Sorge hier ist, dass es nicht einfach ist, den „besten“ Tisch gleich zu erkennen, weil ich nicht in der Lage bin, auf Anhieb die Stärke der Sonne, die Kühle des Schattens und den interessantesten Ausblick abzuschätzen. Was für ein entzückendes Problem!

Ischia Ponte

Auf dem Heimweg von unserem Ausflug nach Ischia Ponte bekomme ich ein gehäkeltes Halsgeschmeide in türkiser Farbe geschenkt. Eine zierliche Frau bietet es neben vielen anderen Nippes auf einem kleinen Handwerksmarkt an der Straße an. Ischia Ponte wirkt einfacher in der Architektur als Ischia Porto. Das Castello Aragonese, das durch eine Steinbrücke mit dem Ort verbunden ist, strahlt Imposanz aus.

Auf einer Mole fischen zwei junge Burschen mit einfachen Angeln.
Auf einer Insel ist es nie weit zum Meer.

Forio

Es liegt immer etwas hinter uns. Heute zum Beispiel Forio. Überall frische Zitronen in den Gläsern, wenn uns Wasser oder ein Limoncello Spritz serviert werden – jene Zitronen, die nach Zitronen schmecken.
Das Tyrrhenische Meer kann wild sein, und zu Mittag kommt das Azurblau.

Ganz schräg quetscht sich bei mir der Wunsch nach einer Mindmap hinein. Der Wunsch nach einem Planungsgeschehen, nach geordneten Verhältnissen, weil die Natur um mich ausschließlich wohltuend wirkt.

Am Abend finde ich zwischen meinen Zähnen Reste von Oregano vom Insalata Caprese, den ich zum Mittagessen serviert bekomme. Oregano schmeckt getrocknet am intensivsten. Natürlich achten sie hier darauf, dass die Zutaten besonders gut sind.

In Italien Tee zu bestellen, kommt nicht gut an. Manche sagen sogar entsetzt: So etwas gibt es bei uns nicht. Am Nebentisch unterhalten sich zwei Paare darüber, wie man den Koffer am besten packt, wenn man für mehrere Wochen unterwegs ist – alles extra in Sackerln. Andere Menschen am Nebentisch sprechen darüber, welche Cremen sie sich ins Gesicht schmieren. Solche Hinweise sind schon manchmal zweckdienlich.

Die Menschen auf der Insel sind im engen Sinne nicht besonders schön. Mindestens die Hälfte sind Touristen. Viele sind gut gekleidet, das schon, aber die Körper sind, wie sie sind. Ich mag das. Außer die bearbeiteten Brüste und Lippen – die finde ich entsetzlich, es sieht nach Verstümmelung aus.

Einige Dinge sind anders reguliert, zum Beispiel im Straßenverkehr. Der Fahrstil ist draufgängerisch, und die Straßen sind viel zu schmal, um irgendwie auszuweichen. Das Gehen auf den Gehsteigen ist ähnlich: Man weicht hier einander nicht aus. Man telefoniert beim Autofahren, und die Gurtpflicht wird scheinbar kleingeschrieben.

Was bedeutet es, ein einfaches Leben zu leben?

Hier treffen wir auf Vera Rubin. Sie deutet auf den Andromedanebel hin und auf die dunkle Materie, die überall – wohin wir schauen und nicht schauen können – zu finden ist.

Die Geräuschkulisse der Insel beruhigt mich vor allem beim Einschlafen.
Ein Grundton aus Meeresrauschen, Gesprächen und Gelächter, ab und zu ein Sirenenton. Ein Feuerwerk scheint in Gang zu sein. Im Morgengrauen heller Vogelgesang, und zu jeder Tageszeit das Gegurre der Tauben und das Gekreische der Möwen. Sie versuchen, Kinderschreien und Gelächter nachzuahmen.

Mein Reisegefährte jagt Tauben. Sie ärgern ihn – besser gesagt: die Menschen, die Tauben füttern, ärgern ihn. Tauben müssen nicht gefüttert werden. Menschen füttern Tauben gegen die Einsamkeit.

Procida

Auf Procida komme ich noch einmal zurück!

Der Ausblick aufs Festland von hoch oben, der Blick auf die kleine Bucht unter der Burg, die bis vor ein paar Jahren als Gefängnis diente. Die Hauptkirche St. Michele hat geschlossen, zwei weitere sind offen – innen schauen sie sehr ähnlich aus: ein wildes Durcheinander aus Dorfkirche, Schifffahrtskirche, Barock, Majolikafliesen, Medjugorje-Statuen und elektrischen Kerzen.

Nicht außergewöhnlich für die Kirchen einer Insel sind die Schiffsvotivgaben, die hier immer wieder die Innenräume zieren. Genauso wichtig ist der Schutz der Madonna, den die Statuen in den Häfen von Procida, Ischia Porto und Casamicciola symbolisieren. Wer zur See fährt, braucht alles, was ihm zum Segen gereicht!

Zackenbarsch, St.-Petersfisch, Steinfisch. Der Hai ist ein Knorpelfisch, und die Haifischhaut ist ein biologisches Meisterwerk, das sich wie Sandpapier anfühlt. Ich habe noch nie so gute Meeresfrüchte gegessen wie auf Procida. Wahrscheinlich deshalb, weil wir schon vor dem Essen und währenddessen beobachten können, wie die Fische vom Meer hereingebracht werden – bereits vorverpackt in Styroporboxen. Gleich im Hafen kommen sie in die Fischverkaufsstelle, ins Fischlokal nebenan, auf unsere Teller: Meeresfrüchteplatte, Tagliatelle mit Schwammerln und Babytintenfischen.

Später flüchten wir vor einem kurzen Regenguss in ein Eisgeschäft. Drei Frauen und ein Hund halten Dorftratsch an der Türschwelle. Wir verstehen zwar kein Wort, reimen uns aber alles genau zusammen! Außerdem reden wir schon wie die Deutschen, haben solche Ideenvorschläge wie Fotovoltaik, Windräder und überhaupt mehr Umweltbewusstsein und ein autarkes Leben auf der Insel.

In Procidas Gassen und auf Plätzen wurde 1994 „Il Postino“ gedreht, der von Pablo Nerudas Freundschaft zu einem Postboten erzählt. Ein paar Jahre später ist Procida Kulisse für „Der talentierte Mr. Ripley“, nach einem Roman von Patricia Highsmith. In einer kleinen Trafik, in der es sonst noch vielerlei Dinge zu kaufen gibt, besorgen wir Ansichtskarten

Wir leben für eine Woche lang ein Inseldasein. Inseldasein klingt wie Inselbegabung. Die Hauswand gegenüber mischt Rosa mit Weiß-Graubraun … die rostigen Gitterstäbe des kleinen Balkons. Mario Biondi tönt aus dem Lautsprecher, wir bleiben noch für einen Song lang sitzen, bevor wir weiter um die Häuser ziehen.

Ein Hahn kräht sich den Kragen heraus, er ist schon ganz heiser, klein und bunt ist er noch dazu. Er lebt neben einem kleinen Hain mit Mischkultur: Zitronenbäume, Granatapfelplantage, Buschbohnen, Oregano und Olivenbäume. Kapuzinerkresse und Ringelblumen nicht zu vergessen.

Casamicciola

In Casamicciola steigen wir von der Fähre in den Bus um, der uns wieder nach Ischia Porto bringt. Die Buschauffeurin fährt besonders mutig und entsprechend riskant, während der Chauffeur, der uns zurückbringt, das Ganze gechillter angeht.

Meinen Magen schone ich jetzt nicht. Dreimal am Tag gibt es Kaffee, einmal einen Limoncello Spritz und mindestens einmal ein Achterl Wein. Espresso kann ja nicht generell schaden. Also in Italien sicher nicht!

La Pineta Mirtina

Wir spazieren für ein paar Stunden im großen Park in Ischia. Kaminroter Zylinderputzer, Duftgeranie, Birkenfeige, Japanische Wollmispel, Zwergjasmin, stacheliger Akanthus (also der Wahre Bärenklau), Eukalyptusbäume, Erdbeerbaum, Zedern, Zypergräser.

Dazwischen bewegt sich eine große Schüler*innengruppe, angeleitet durch Erzieherinnen und Ehrenamtliche. Das Geschehen mutet wie eine Mischung aus Schnitzeljagd und Stationentheater an. Es kommen auch vor: eine Waldfee, eine Waldmüllfrau, eine Frau Waldgnom und ein Waldgeist. Außerdem treffen wir auf einen heimlichen und einen unheimlichen Mann.

In einem kleinen Wasserbiotop tummeln und paaren sich Frösche. Sie quaken um die Wette. Wunderschöne, menschengroße Schachtelhalme bilden einen Baldachin. Das wenige Wasser, das durch den Park fließt, stammt wohl von den vulkanischen Quellen, für die diese Insel berühmt ist. Zwischendurch regnet es leicht.

An einem Felsen ist eine Gedenktafel angebracht:
„Gewidmet dem Freund dieser Stätte, Anton Dohrn, dem Meister der Forschung, lauter und fest im Denken und Thun. 1892“, ist darauf zu lesen.

Wir sind fertig, und ich bin über den Berg durch diese Insel-Kur. Zum Abschluss noch einmal schwimmen im Meer. Wind und Sand auf der Haut, es prickelt. Das Badetuch aus dem Weltladen lasse ich auf Ischia – was für ein schöner Ort, um auch etwas zurückzulassen. Mein Reisegefährte tut dasselbe mit seiner neuen Sonnenbrille.

Neapel

Das letzte Frühstück in Ischia Porto im Hotel Conte fällt kurz aus, der Abschied vom Personal herzlich. Ein kleiner Espresso, ein Zitronentörtchen. Am Hafen auch ein letzter Insel-Espresso. Auf der Fähre finden wir diesmal einen Sitzplatz im Außenbereich. Der Motor dröhnt laut, unsere Destinationen fliegen noch einmal an uns vorbei: Ischia, die Burg, Procida, und dann der Hafen von Neapel.

Das Gebäck deponieren wir am Flughafen. Alles funktioniert unkompliziert. Vor mir liegt eine Stadt mit – samt Umland – vier Millionen Einwohner*innen. Es war zu erwarten, dass sie mir gefällt. Ich neige zur Sozialromantik. Wie langweilig ist doch Wien im Vergleich!

Für Reisende ist die Camorra im Alltag kaum sichtbar. Wir meiden Scampia oder Secondigliano aufgrund unserer Zeitressourcen ohnehin. Enge Straßen, Hochhäuser, zum Großteil mit patinahaften Fassaden, oft ziegelrot, grüne Fensterläden, jede Wohnung mit einem Balkon versehen. Wir gehen zu Fuß vom Bahnhof Garibaldi Richtung Nationalmuseum.

Das Tempo der Stadt ist kaum zu fassen: groß, laut, wirr, schnell. Auch New York wirkt dagegen langweilig. Viele Menschen haben keine Wohnung und leben auf der Straße. Aufeinander Rücksicht zu nehmen – das wurde hier in diesem Grätzel Italiens nicht erfunden. Charmant sind die Italiener*innen auch nicht. Ziemlich rau hier, und vor allem die Frauen haben extrem tiefe Stimmen. Agnes Callard schreibt nüchtern darüber, wie Beziehung gelingen kann – ohne Gefühle, mit viel Verstand. Wie das alles gleichzeitig, kontrovers und verwoben ist, verstehe ich nicht. Der Vesuv ist immer und überall.

Im Museum fotografiere ich eine in Bronze gegossene Sappho. Tiefschwarz. 2000 Jahre alt. Genauso wie die zwei Athleten mit den intensiven Augen aus Alabaster.

Wir betrachten die antike Sonnenuhr im großen Saal – durch ein kleines Loch in der Decke fällt ein Sonnenstrahl herein, am Boden ist die Uhr mit den Tierkreiszeichen angelegt.

Wir staunen im „Geheimen Kabinett“ über die explizit erotischen Artefakte und Phallussymbole aus Pompeji, die den liberalen Umgang der Römer mit Sexualität unverblümt zeigen. Ob es damals, also mindestens vor dem Vulkanausbruch 79 n. Chr., schon Fußreflexzonenmassagen gab?

Aus dem Nationalmuseum nehme ich drei Ansichtskarten mit nach Hause. Genauso wie ein Kochbuch aus dem kleinen Buchladen in Ischia: So kocht Martha Ischia. Es wird mich zurück auf dem Festland begleiten. Frittata di cipolle:
500 g Zwiebel, Olivenöl, 6 Eier, Salz, 50 g Parmesankäse, Petersilie, Essig.

Zehn Mexalen und eine halbe Flasche Whisky


1
Dass Weltabgeschiedenheit etwas Wertvolle sein könnte, kommt mir selten in den Sinn. Der Gedanke, dass der Wert der Museen und Kirchen nicht nur in der Vermittlung irgendwelcher Kenntnisse und Wahrheiten liegt, sondern die Sammlung der Kunst auch der inneren Sammlung ihrer Besucher dient, rückt wieder näher. Die gute alte Kontemplation gewinnt wieder an Wert, weil ich immer müder werde.
2
Eine Patenschaft für ein Schulkind in Indien kostet genauso viel wie eine Patenschaft für ein historisches Plakat der Nationalbibliothek in Wien.
3
Das Liebenswerte an ihm ist genau das, was mich oft zur Verzweiflung bringt: Er lässt alles auf sich zukommen. Er lebt im Jetzt. Wie es kommt, so kommt es.
4
Ich hege eine Trauer um die inzwischen älter und unbeweglich gewordenen Wegbegleiter. Ich sollte wieder jemanden Neues kennenlernen. Immer die gleichen Impulse, die außerdem schwerfällig werden.
5
Ich bin 59 Jahre alt, habe schon einiges geleistet und vieles nicht getan. Ich habe Erfahrung und werde werde mich ab nun so wenig wie möglich von einer starren Institution (Krankenhaus?) nicht mehr beeinflussen lassen. Ich möchte mich jetzt wieder einmal locker machen, so richtig losgelöst und frei … so Sommerfrische eben. An der Oberfläche dahinschweben. Schwingen und die Schönheit zulassen, sofern es die wehen Knochen erlauben.
6
Nach der Arbeit geht sich ein kleines Eis im Kaffeehaus aus. Die roten Rosen und das Basilikum, die er mir als Geschenk mitbringt, nehme ich sehr gerne in Empfang. Wir übertreiben sehr gerne und viel zu selten.

Frühlingsgefühle


1
Mein Liebster ist ein Weltaspekt. Jeder Zwanzigjährige sollte einmal in eine Frau verliebt sein, eine Frau lieben, die er später als seinen Stern empfindet … wie heißt der Mensch, der später einmal mein Stern ist? … mein Stern war? … die tiefste, nachhaltigste Liebeserfahrung…? Wen liebt man in dieser Welt? Was liebt man in dieser Welt? Freiheit und menschliche Klugheit, Mut, Grazie, Witz und Musik.
2
Wie man etwas vermissen kann, das man gerade erst erlebt …
3
Einen Brief an ihn schreiben und ihn dann nicht abschicken. Das heißt also, dass man gar nicht darüber nachdenkt, wer ihn lesen könnte.
4
Ich umsorge eine Schulklasse mit 18 Schülerinnen für vier Stunden lang. Ich gehe davon aus, dass sie sich während dieser Zeit aufgehoben fühlen. Es gibt Leberkässemmel und Käsebrote zum Frühstück. Kaffee, Eier, Marmelade. Ein paar Schlucke Frizzante. Wir essen,wir reden, wir gehen spazieren, wir trinken.
5
Durch einen radikalen und meditativen Akt sämtliche Bildinhalte eliminieren und eine Leere anstelle von Frau, Arbeit, Care und Denken in den Blick rücken!
6
Wie bitter nötig ich diese ruhigen Stunden in ihrer Stadtwohnung habe, und die Aussicht auf ein menschenreduziertes und liebevolles Wochenende, das sich an Dingen, Gedanken und Offenem orientiert.
7
Zeig mal was, Martha!

Stillsamkeit


1
Ich liebe es, mit dem Bus zu fahren und mich hinaus in die schöne Landschaft kutschieren zu lassen.
2
Manchmal sieht man, dass man mit wenigen Beziehungen im Leben auskommt. Sie können einen ein Leben lang beschäftigen, sie können immer wieder aufleben.
3
In eine depressive Verstimmung zu flüchten, kann ein Trost sein. Sie kann aus einer tiefen Verletzung heraus geboren werden oder aus einem anderen Schmerz, einer Wunde, die einem das ganz normale Leben angetan hat. Man muss sich da nicht gleich in große Diagnosen flüchten sondern kann es aus dieser Hypothese heraus betrachten. Eher aus der Gesundheit heraus, aus einer verwundeten Gesundheit heraus.
4
Mein Geschreibsel ist nicht von Bedeutung und doch ist es zweckdienlich, zu reflektieren, still über die Worte des gestrigen Tages zu sinnieren.
5
Zwei Stunden vor ihrem Tod hat er ihre Socken mit Sandelholzöl betupft. Das habe ihr die Phase des Sterbens erleichtert, bilde er sich ein.
6
Es ist nichts mehr so wie früher. Und er wünscht sich, ich möge doch ab und zu dabei sein, wenn er glücklich ist. Mich rührt so ewas!

Geheimwissen


1
In den Jahrzehnten des Wachstums ist uns die Weisheit der Entbehrung abhandengekommen. Verzicht und die Pflege und Reparatur von Dingen zählen nicht zu unseren Lieblingsbeschäftigungen, denn ihnen haftet eine Patina des Rückständigen oder gar des Scheiterns an. Stattdessen haben wir die „Weisheit der Fülle“ für uns entdeckt. Aber wer lehrt uns, unsere Gier zu zügeln?
2
Ich schaue mir an einem Abend alle acht Folgen einer Serie über den Hernalser Friedhof an. Danach geht es mir, als hätte ich zwei Flaschen Wein alleine geleert: Kopfweh, Übelkeit. Verspannung. Ich kann lange nicht einschlafen.
3
Das ist schon eigenartig – vor Tausenden von Jahren hat es der Mensch intuitiv gewusst, dass Kunst existentiell ist. Und jetzt muss man es beweisen, um es zu glauben. Der Mensch ist ein unergründliches Wesen.
4
Am 31. Sterbetag meines Vaters kommt wieder einmal die Frage auf: „Welche gute Nachricht kam jemals per Telefon?“
Ich hebe nicht mehr ab.
5
Wichtig ist: rechtzeitig schwimmen lernen!
6
Ein poetisches Leben macht glücklich, und Postkarten sind sexy.

Utensilien


1
Im Regen Pflanzen setzen und dann in die Sauna gehen. Der erste Arbeitstag nach den Exerzitien fühlt sich fruchtbar an, und ich werfe mich hinein.
2
Die Tochter bringt Frisches und Schwung in die Bude. Sie lebt begeistert in der Welt. Sie erwähnt, dass ihre Eltern eine aufgeklärte Erziehung betrieben haben, also wenig Mythen und Märchen und offensichtliche „Weil-das-so-ist“-Antworten.
Dass ich die Geschichte mit dem Christkind nicht mitgespielt habe, tut mir heute leid. Dass ich ihr einen Ring zur ersten Menstruation geschenkt habe, tut mir nicht leid.
3
Viele Frauen, denen ich im Weinviertel begegne, sind herb und brav. Ich wohne nun schon lange hier, diese Mischung färbt auf mich ab. Das ist nicht komisch.
4
Eine meiner Freundinnen ist Heilerin. Sie sieht unter anderem „Bilder“, wenn sie sich auf einen Menschen konzentriert.
„Du darfst niemanden zurückschicken, du kannst deine Verwandten nicht heilen, nur die Fremden. Du darfst kein Geld für dein Talent nehmen. Irgendeine Ordnung muss die Welt zusammenhalten, damit man getrost in die Zukunft blicken kann!“, erklärt sie mir.
5
Der Mann beschenkt mich ausführlich mit Licht: Sternspritzer. Solaraufgeheizte Lichterkette, eine Leuchtschrift fürs Fenster, ein frisch aufgefülltes Feuerzeug, Wärme.
6
Guter Kompost riecht nach Walderde.