Autormartha

Muttertag auf Ischia


Die Tochter fragt:

Und was machen wir am Muttertag, wenn die Mutti nicht da ist?

Ischia Porto

Ich bin auf einer kleinen Insel gelandet, und ich merke es an allen Ecken und Enden. Der Papst ist in meiner Nähe und feiert mit einer Million Menschen auf dem Hauptplatz von Neapel. Ich bin sehr gerne auf dieser Welt, weil sie so schön ist. Besonders jetzt und hier.

Neapel im Blick zu haben, gibt mir ein Gefühl von Dankbarkeit. Neapel klingt nach Wildheit, Unberechenbarkeit, natürlich auch nach Ungerechtigkeit, Armut und Mafia – nach ursprünglicher Kraft und Rohheit und improvisatorischer Fantasie. Es klingt nach großer Geschichte und großartigen kulturellen und künstlerischen Leistungen.

Mein Arsch sitzt also auf einer Insel, die wohl fast ausschließlich vom Tourismus lebt – und das gut. Mein Körper kennt sich noch nicht so richtig aus. Er tut nach monatelangen Wehwehchen so, als ob alles in Ordnung wäre. Mein Heiler arbeitet in bester Manier. Er hat eine Zecke aus Eibesthal mitgebracht. Am Flughafen hat sich niemand über diesen blinden Passagier aufgeregt. Mein Heiler legt zur Feier des Tages Led Zeppelin auf.

Tui hat alles organisiert – da kann man sich nicht verlaufen.

Wir frühstücken gemeinsam mit einer großen Verwandtschaft.

Die großen Fährschiffe im kleinen Hafen von Ischia Porto beeindrucken mich. Gleich nach der Ankunft öffnen sie ihre Tore, speien Fahrzeuge und Menschen aus und laden sofort wieder neue ein. Genug Touristen sind da! Doch in der Vorsaison verteilen sie sich unaufdringlich auf der Insel.

Wir finden Platz an einem im Sand versunkenen Bootsrumpf. Die Sonne ist heiß. Neben uns: ein Muttertagsausflug. Eine Nonna mit der bösen und der guten Tochter, drei Enkelkindern und einem Hund. Sie reden kaum miteinander, vieles passiert in Gesten und Blicken. Immer wieder kuschelt sich die gute Tochter an die böse, um irgendetwas zu beschwichtigen.

Diesen kurzen Moment finde ich spektakulär: wenn das Schiff für meine Augen plötzlich aus dem Hafen herausfährt, ich zunächst nur die Spitze des Rumpfes sehe und erst nach ein paar weiteren Augenblicken das ganze Schiff. Es wirkt wie ein Ungeheuer, viel zu groß für die Umgebung. Ich verbringe viel Zeit damit, darauf zu warten, dass wieder ein Schiff ausläuft. Erst wenn es dann draußen im Golf von Neapel davonfährt, stimmen die Größenverhältnisse wieder.

Meinen ursprünglichen Reisewunsch, während dieser Reise ein bisschen zu verwildern, nehme ich mittlerweile zurück – es würde mir gar nicht gefallen. Weil es meiner Haut durch Wind, Salz und Sonne so gut geht, werde ich ganz sanft. Ich bin auf Kur!

Erdbeeren essen, Wasser trinken, dahindösen. Überall Schwalben.

Im Gegensatz dazu: Eine Frau wandert jeden Tag am Ufer entlang, brusthoch im Wasser. Mit wärmenden Handschuhen an den Händen arbeitet sie sich mindestens viermal hintereinander die etwa 500 m lange Strecke entlang.

Der Blick auf Procida ist besonders am Abend herzerwärmend – ein besonderes Lichterspektakel. Wenn ein paar wenige Wolken am Himmel sind, lassen sie die Sonne immer wieder verschwinden. Immer wieder beleuchtet sie andere architektonische oder landschaftliche Elemente: einmal den vorgelagerten Felsen, einmal die Burg auf der Anhöhe, die bis vor Kurzem ein Gefängnis beherbergte, einmal die pastellfarbenen Gebäude, die in den Hügel gebaut sind.

Pompeji

ist auch in gefühlter Sichtweite, und Pompeji ist ein Marienwallfahrtsort. Am Jahrestag seiner Wahl besucht Papst Leo XIV. diese Gemeinde, um Messe zu feiern.

In der Kathedrale von Neapel wird das Blutwunder des heiligen Januarius gefeiert. Dabei verflüssigt sich das als Reliquie aufbewahrte, ansonsten feste Blut des Stadtpatrons traditionell dreimal im Jahr – oder zu besonderen Anlässen, wie einem Papstbesuch. Während des Besuchs des Papstes hat es wieder einmal funktioniert: ein sogenanntes punktgenaues Blutwunder.

Hast du die richtigen Fragen gestellt?

Am Hafen von Ischia Porto

Santa Restituta ist die Schutzpatronin der Insel. Die kreisrunde Form des Hafens von Ischia Porto ist ein Krater.

Ich sitze mit Blick auf das Maul der Autofähre und kann sehen, wie groß die Karren sind, die sie ausgespuckt hat. Die Situation hier am Hafen erinnert mich an Záhorská Ves – nicht nur die Spelunke, in der ich gerade beobachte, sondern auch der Fährbetrieb: diese wilde Mischung aus Autos, Fußgängern, Zigarrenrauch, Dieselabgasen und Wasser. Eine Mischung aus Arbeitsmodus und Urlaubsfeeling.

Ich schlafe am Abend sehr glücklich ein. In der Früh bin ich müde vom vielen Schlafen – ein schon lange vermisster Zustand. Es ist die perfekte Jahreszeit für diese Reise: warme Sonne, frisches Meer, kühle Winde, alles im richtigen Maß.

Allein – große Gedanken zu hegen, das will mir nicht gelingen. Die amerikanische Philosophin Agnes Callard sagt unter anderem, Reisen sei fürs Denken nicht gut. So sehe ich das im Moment auch: Meine größte Sorge hier ist, dass es nicht einfach ist, den „besten“ Tisch gleich zu erkennen, weil ich nicht in der Lage bin, auf Anhieb die Stärke der Sonne, die Kühle des Schattens und den interessantesten Ausblick abzuschätzen. Was für ein entzückendes Problem!

Ischia Ponte

Auf dem Heimweg von unserem Ausflug nach Ischia Ponte bekomme ich ein gehäkeltes Halsgeschmeide in türkiser Farbe geschenkt. Eine zierliche Frau bietet es neben vielen anderen Nippes auf einem kleinen Handwerksmarkt an der Straße an. Ischia Ponte wirkt einfacher in der Architektur als Ischia Porto. Das Castello Aragonese, das durch eine Steinbrücke mit dem Ort verbunden ist, strahlt Imposanz aus.

Auf einer Mole fischen zwei junge Burschen mit einfachen Angeln.
Auf einer Insel ist es nie weit zum Meer.

Forio

Es liegt immer etwas hinter uns. Heute zum Beispiel Forio. Überall frische Zitronen in den Gläsern, wenn uns Wasser oder ein Limoncello Spritz serviert werden – jene Zitronen, die nach Zitronen schmecken.
Das Tyrrhenische Meer kann wild sein, und zu Mittag kommt das Azurblau.

Ganz schräg quetscht sich bei mir der Wunsch nach einer Mindmap hinein. Der Wunsch nach einem Planungsgeschehen, nach geordneten Verhältnissen, weil die Natur um mich ausschließlich wohltuend wirkt.

Am Abend finde ich zwischen meinen Zähnen Reste von Oregano vom Insalata Caprese, den ich zum Mittagessen serviert bekomme. Oregano schmeckt getrocknet am intensivsten. Natürlich achten sie hier darauf, dass die Zutaten besonders gut sind.

In Italien Tee zu bestellen, kommt nicht gut an. Manche sagen sogar entsetzt: So etwas gibt es bei uns nicht. Am Nebentisch unterhalten sich zwei Paare darüber, wie man den Koffer am besten packt, wenn man für mehrere Wochen unterwegs ist – alles extra in Sackerln. Andere Menschen am Nebentisch sprechen darüber, welche Cremen sie sich ins Gesicht schmieren. Solche Hinweise sind schon manchmal zweckdienlich.

Die Menschen auf der Insel sind im engen Sinne nicht besonders schön. Mindestens die Hälfte sind Touristen. Viele sind gut gekleidet, das schon, aber die Körper sind, wie sie sind. Ich mag das. Außer die bearbeiteten Brüste und Lippen – die finde ich entsetzlich, es sieht nach Verstümmelung aus.

Einige Dinge sind anders reguliert, zum Beispiel im Straßenverkehr. Der Fahrstil ist draufgängerisch, und die Straßen sind viel zu schmal, um irgendwie auszuweichen. Das Gehen auf den Gehsteigen ist ähnlich: Man weicht hier einander nicht aus. Man telefoniert beim Autofahren, und die Gurtpflicht wird scheinbar kleingeschrieben.

Was bedeutet es, ein einfaches Leben zu leben?

Hier treffen wir auf Vera Rubin. Sie deutet auf den Andromedanebel hin und auf die dunkle Materie, die überall – wohin wir schauen und nicht schauen können – zu finden ist.

Die Geräuschkulisse der Insel beruhigt mich vor allem beim Einschlafen.
Ein Grundton aus Meeresrauschen, Gesprächen und Gelächter, ab und zu ein Sirenenton. Ein Feuerwerk scheint in Gang zu sein. Im Morgengrauen heller Vogelgesang, und zu jeder Tageszeit das Gegurre der Tauben und das Gekreische der Möwen. Sie versuchen, Kinderschreien und Gelächter nachzuahmen.

Mein Reisegefährte jagt Tauben. Sie ärgern ihn – besser gesagt: die Menschen, die Tauben füttern, ärgern ihn. Tauben müssen nicht gefüttert werden. Menschen füttern Tauben gegen die Einsamkeit.

Procida

Auf Procida komme ich noch einmal zurück!

Der Ausblick aufs Festland von hoch oben, der Blick auf die kleine Bucht unter der Burg, die bis vor ein paar Jahren als Gefängnis diente. Die Hauptkirche St. Michele hat geschlossen, zwei weitere sind offen – innen schauen sie sehr ähnlich aus: ein wildes Durcheinander aus Dorfkirche, Schifffahrtskirche, Barock, Majolikafliesen, Medjugorje-Statuen und elektrischen Kerzen.

Nicht außergewöhnlich für die Kirchen einer Insel sind die Schiffsvotivgaben, die hier immer wieder die Innenräume zieren. Genauso wichtig ist der Schutz der Madonna, den die Statuen in den Häfen von Procida, Ischia Porto und Casamicciola symbolisieren. Wer zur See fährt, braucht alles, was ihm zum Segen gereicht!

Zackenbarsch, St.-Petersfisch, Steinfisch. Der Hai ist ein Knorpelfisch, und die Haifischhaut ist ein biologisches Meisterwerk, das sich wie Sandpapier anfühlt. Ich habe noch nie so gute Meeresfrüchte gegessen wie auf Procida. Wahrscheinlich deshalb, weil wir schon vor dem Essen und währenddessen beobachten können, wie die Fische vom Meer hereingebracht werden – bereits vorverpackt in Styroporboxen. Gleich im Hafen kommen sie in die Fischverkaufsstelle, ins Fischlokal nebenan, auf unsere Teller: Meeresfrüchteplatte, Tagliatelle mit Schwammerln und Babytintenfischen.

Später flüchten wir vor einem kurzen Regenguss in ein Eisgeschäft. Drei Frauen und ein Hund halten Dorftratsch an der Türschwelle. Wir verstehen zwar kein Wort, reimen uns aber alles genau zusammen! Außerdem reden wir schon wie die Deutschen, haben solche Ideenvorschläge wie Fotovoltaik, Windräder und überhaupt mehr Umweltbewusstsein und ein autarkes Leben auf der Insel.

In Procidas Gassen und auf Plätzen wurde 1994 „Il Postino“ gedreht, der von Pablo Nerudas Freundschaft zu einem Postboten erzählt. Ein paar Jahre später ist Procida Kulisse für „Der talentierte Mr. Ripley“, nach einem Roman von Patricia Highsmith. In einer kleinen Trafik, in der es sonst noch vielerlei Dinge zu kaufen gibt, besorgen wir Ansichtskarten

Wir leben für eine Woche lang ein Inseldasein. Inseldasein klingt wie Inselbegabung. Die Hauswand gegenüber mischt Rosa mit Weiß-Graubraun … die rostigen Gitterstäbe des kleinen Balkons. Mario Biondi tönt aus dem Lautsprecher, wir bleiben noch für einen Song lang sitzen, bevor wir weiter um die Häuser ziehen.

Ein Hahn kräht sich den Kragen heraus, er ist schon ganz heiser, klein und bunt ist er noch dazu. Er lebt neben einem kleinen Hain mit Mischkultur: Zitronenbäume, Granatapfelplantage, Buschbohnen, Oregano und Olivenbäume. Kapuzinerkresse und Ringelblumen nicht zu vergessen.

Casamicciola

In Casamicciola steigen wir von der Fähre in den Bus um, der uns wieder nach Ischia Porto bringt. Die Buschauffeurin fährt besonders mutig und entsprechend riskant, während der Chauffeur, der uns zurückbringt, das Ganze gechillter angeht.

Meinen Magen schone ich jetzt nicht. Dreimal am Tag gibt es Kaffee, einmal einen Limoncello Spritz und mindestens einmal ein Achterl Wein. Espresso kann ja nicht generell schaden. Also in Italien sicher nicht!

La Pineta Mirtina

Wir spazieren für ein paar Stunden im großen Park in Ischia. Kaminroter Zylinderputzer, Duftgeranie, Birkenfeige, Japanische Wollmispel, Zwergjasmin, stacheliger Akanthus (also der Wahre Bärenklau), Eukalyptusbäume, Erdbeerbaum, Zedern, Zypergräser.

Dazwischen bewegt sich eine große Schüler*innengruppe, angeleitet durch Erzieherinnen und Ehrenamtliche. Das Geschehen mutet wie eine Mischung aus Schnitzeljagd und Stationentheater an. Es kommen auch vor: eine Waldfee, eine Waldmüllfrau, eine Frau Waldgnom und ein Waldgeist. Außerdem treffen wir auf einen heimlichen und einen unheimlichen Mann.

In einem kleinen Wasserbiotop tummeln und paaren sich Frösche. Sie quaken um die Wette. Wunderschöne, menschengroße Schachtelhalme bilden einen Baldachin. Das wenige Wasser, das durch den Park fließt, stammt wohl von den vulkanischen Quellen, für die diese Insel berühmt ist. Zwischendurch regnet es leicht.

An einem Felsen ist eine Gedenktafel angebracht:
„Gewidmet dem Freund dieser Stätte, Anton Dohrn, dem Meister der Forschung, lauter und fest im Denken und Thun. 1892“, ist darauf zu lesen.

Wir sind fertig, und ich bin über den Berg durch diese Insel-Kur. Zum Abschluss noch einmal schwimmen im Meer. Wind und Sand auf der Haut, es prickelt. Das Badetuch aus dem Weltladen lasse ich auf Ischia – was für ein schöner Ort, um auch etwas zurückzulassen. Mein Reisegefährte tut dasselbe mit seiner neuen Sonnenbrille.

Neapel

Das letzte Frühstück in Ischia Porto im Hotel Conte fällt kurz aus, der Abschied vom Personal herzlich. Ein kleiner Espresso, ein Zitronentörtchen. Am Hafen auch ein letzter Insel-Espresso. Auf der Fähre finden wir diesmal einen Sitzplatz im Außenbereich. Der Motor dröhnt laut, unsere Destinationen fliegen noch einmal an uns vorbei: Ischia, die Burg, Procida, und dann der Hafen von Neapel.

Das Gebäck deponieren wir am Flughafen. Alles funktioniert unkompliziert. Vor mir liegt eine Stadt mit – samt Umland – vier Millionen Einwohner*innen. Es war zu erwarten, dass sie mir gefällt. Ich neige zur Sozialromantik. Wie langweilig ist doch Wien im Vergleich!

Für Reisende ist die Camorra im Alltag kaum sichtbar. Wir meiden Scampia oder Secondigliano aufgrund unserer Zeitressourcen ohnehin. Enge Straßen, Hochhäuser, zum Großteil mit patinahaften Fassaden, oft ziegelrot, grüne Fensterläden, jede Wohnung mit einem Balkon versehen. Wir gehen zu Fuß vom Bahnhof Garibaldi Richtung Nationalmuseum.

Das Tempo der Stadt ist kaum zu fassen: groß, laut, wirr, schnell. Auch New York wirkt dagegen langweilig. Viele Menschen haben keine Wohnung und leben auf der Straße. Aufeinander Rücksicht zu nehmen – das wurde hier in diesem Grätzel Italiens nicht erfunden. Charmant sind die Italiener*innen auch nicht. Ziemlich rau hier, und vor allem die Frauen haben extrem tiefe Stimmen. Agnes Callard schreibt nüchtern darüber, wie Beziehung gelingen kann – ohne Gefühle, mit viel Verstand. Wie das alles gleichzeitig, kontrovers und verwoben ist, verstehe ich nicht. Der Vesuv ist immer und überall.

Im Museum fotografiere ich eine in Bronze gegossene Sappho. Tiefschwarz. 2000 Jahre alt. Genauso wie die zwei Athleten mit den intensiven Augen aus Alabaster.

Wir betrachten die antike Sonnenuhr im großen Saal – durch ein kleines Loch in der Decke fällt ein Sonnenstrahl herein, am Boden ist die Uhr mit den Tierkreiszeichen angelegt.

Wir staunen im „Geheimen Kabinett“ über die explizit erotischen Artefakte und Phallussymbole aus Pompeji, die den liberalen Umgang der Römer mit Sexualität unverblümt zeigen. Ob es damals, also mindestens vor dem Vulkanausbruch 79 n. Chr., schon Fußreflexzonenmassagen gab?

Aus dem Nationalmuseum nehme ich drei Ansichtskarten mit nach Hause. Genauso wie ein Kochbuch aus dem kleinen Buchladen in Ischia: So kocht Martha Ischia. Es wird mich zurück auf dem Festland begleiten. Frittata di cipolle:
500 g Zwiebel, Olivenöl, 6 Eier, Salz, 50 g Parmesankäse, Petersilie, Essig.

Zehn Mexalen und eine halbe Flasche Whisky


1
Dass Weltabgeschiedenheit etwas Wertvolle sein könnte, kommt mir selten in den Sinn. Der Gedanke, dass der Wert der Museen und Kirchen nicht nur in der Vermittlung irgendwelcher Kenntnisse und Wahrheiten liegt, sondern die Sammlung der Kunst auch der inneren Sammlung ihrer Besucher dient, rückt wieder näher. Die gute alte Kontemplation gewinnt wieder an Wert, weil ich immer müder werde.
2
Eine Patenschaft für ein Schulkind in Indien kostet genauso viel wie eine Patenschaft für ein historisches Plakat der Nationalbibliothek in Wien.
3
Das Liebenswerte an ihm ist genau das, was mich oft zur Verzweiflung bringt: Er lässt alles auf sich zukommen. Er lebt im Jetzt. Wie es kommt, so kommt es.
4
Ich hege eine Trauer um die inzwischen älter und unbeweglich gewordenen Wegbegleiter. Ich sollte wieder jemanden Neues kennenlernen. Immer die gleichen Impulse, die außerdem schwerfällig werden.
5
Ich bin 59 Jahre alt, habe schon einiges geleistet und vieles nicht getan. Ich habe Erfahrung und werde werde mich ab nun so wenig wie möglich von einer starren Institution (Krankenhaus?) nicht mehr beeinflussen lassen. Ich möchte mich jetzt wieder einmal locker machen, so richtig losgelöst und frei … so Sommerfrische eben. An der Oberfläche dahinschweben. Schwingen und die Schönheit zulassen, sofern es die wehen Knochen erlauben.
6
Nach der Arbeit geht sich ein kleines Eis im Kaffeehaus aus. Die roten Rosen und das Basilikum, die er mir als Geschenk mitbringt, nehme ich sehr gerne in Empfang. Wir übertreiben sehr gerne und viel zu selten.

Frühlingsgefühle


1
Mein Liebster ist ein Weltaspekt. Jeder Zwanzigjährige sollte einmal in eine Frau verliebt sein, eine Frau lieben, die er später als seinen Stern empfindet … wie heißt der Mensch, der später einmal mein Stern ist? … mein Stern war? … die tiefste, nachhaltigste Liebeserfahrung…? Wen liebt man in dieser Welt? Was liebt man in dieser Welt? Freiheit und menschliche Klugheit, Mut, Grazie, Witz und Musik.
2
Wie man etwas vermissen kann, das man gerade erst erlebt …
3
Einen Brief an ihn schreiben und ihn dann nicht abschicken. Das heißt also, dass man gar nicht darüber nachdenkt, wer ihn lesen könnte.
4
Ich umsorge eine Schulklasse mit 18 Schülerinnen für vier Stunden lang. Ich gehe davon aus, dass sie sich während dieser Zeit aufgehoben fühlen. Es gibt Leberkässemmel und Käsebrote zum Frühstück. Kaffee, Eier, Marmelade. Ein paar Schlucke Frizzante. Wir essen,wir reden, wir gehen spazieren, wir trinken.
5
Durch einen radikalen und meditativen Akt sämtliche Bildinhalte eliminieren und eine Leere anstelle von Frau, Arbeit, Care und Denken in den Blick rücken!
6
Wie bitter nötig ich diese ruhigen Stunden in ihrer Stadtwohnung habe, und die Aussicht auf ein menschenreduziertes und liebevolles Wochenende, das sich an Dingen, Gedanken und Offenem orientiert.
7
Zeig mal was, Martha!

Stillsamkeit


1
Ich liebe es, mit dem Bus zu fahren und mich hinaus in die schöne Landschaft kutschieren zu lassen.
2
Manchmal sieht man, dass man mit wenigen Beziehungen im Leben auskommt. Sie können einen ein Leben lang beschäftigen, sie können immer wieder aufleben.
3
In eine depressive Verstimmung zu flüchten, kann ein Trost sein. Sie kann aus einer tiefen Verletzung heraus geboren werden oder aus einem anderen Schmerz, einer Wunde, die einem das ganz normale Leben angetan hat. Man muss sich da nicht gleich in große Diagnosen flüchten sondern kann es aus dieser Hypothese heraus betrachten. Eher aus der Gesundheit heraus, aus einer verwundeten Gesundheit heraus.
4
Mein Geschreibsel ist nicht von Bedeutung und doch ist es zweckdienlich, zu reflektieren, still über die Worte des gestrigen Tages zu sinnieren.
5
Zwei Stunden vor ihrem Tod hat er ihre Socken mit Sandelholzöl betupft. Das habe ihr die Phase des Sterbens erleichtert, bilde er sich ein.
6
Es ist nichts mehr so wie früher. Und er wünscht sich, ich möge doch ab und zu dabei sein, wenn er glücklich ist. Mich rührt so ewas!

Geheimwissen


1
In den Jahrzehnten des Wachstums ist uns die Weisheit der Entbehrung abhandengekommen. Verzicht und die Pflege und Reparatur von Dingen zählen nicht zu unseren Lieblingsbeschäftigungen, denn ihnen haftet eine Patina des Rückständigen oder gar des Scheiterns an. Stattdessen haben wir die „Weisheit der Fülle“ für uns entdeckt. Aber wer lehrt uns, unsere Gier zu zügeln?
2
Ich schaue mir an einem Abend alle acht Folgen einer Serie über den Hernalser Friedhof an. Danach geht es mir, als hätte ich zwei Flaschen Wein alleine geleert: Kopfweh, Übelkeit. Verspannung. Ich kann lange nicht einschlafen.
3
Das ist schon eigenartig – vor Tausenden von Jahren hat es der Mensch intuitiv gewusst, dass Kunst existentiell ist. Und jetzt muss man es beweisen, um es zu glauben. Der Mensch ist ein unergründliches Wesen.
4
Am 31. Sterbetag meines Vaters kommt wieder einmal die Frage auf: „Welche gute Nachricht kam jemals per Telefon?“
Ich hebe nicht mehr ab.
5
Wichtig ist: rechtzeitig schwimmen lernen!
6
Ein poetisches Leben macht glücklich, und Postkarten sind sexy.

Utensilien


1
Im Regen Pflanzen setzen und dann in die Sauna gehen. Der erste Arbeitstag nach den Exerzitien fühlt sich fruchtbar an, und ich werfe mich hinein.
2
Die Tochter bringt Frisches und Schwung in die Bude. Sie lebt begeistert in der Welt. Sie erwähnt, dass ihre Eltern eine aufgeklärte Erziehung betrieben haben, also wenig Mythen und Märchen und offensichtliche „Weil-das-so-ist“-Antworten.
Dass ich die Geschichte mit dem Christkind nicht mitgespielt habe, tut mir heute leid. Dass ich ihr einen Ring zur ersten Menstruation geschenkt habe, tut mir nicht leid.
3
Viele Frauen, denen ich im Weinviertel begegne, sind herb und brav. Ich wohne nun schon lange hier, diese Mischung färbt auf mich ab. Das ist nicht komisch.
4
Eine meiner Freundinnen ist Heilerin. Sie sieht unter anderem „Bilder“, wenn sie sich auf einen Menschen konzentriert.
„Du darfst niemanden zurückschicken, du kannst deine Verwandten nicht heilen, nur die Fremden. Du darfst kein Geld für dein Talent nehmen. Irgendeine Ordnung muss die Welt zusammenhalten, damit man getrost in die Zukunft blicken kann!“, erklärt sie mir.
5
Der Mann beschenkt mich ausführlich mit Licht: Sternspritzer. Solaraufgeheizte Lichterkette, eine Leuchtschrift fürs Fenster, ein frisch aufgefülltes Feuerzeug, Wärme.
6
Guter Kompost riecht nach Walderde.

Putzfrau


1
Wenn man müde ist, wird man dünnhäutig. Wenn man nicht müde ist, lässt man sich sehr viel gefallen, weil das Grobe nicht so durchkommt. Schlimm ist es, wenn man es schon gewohnt ist, dass sich die Menschen über einen lustig machen. Ganz schlimm ist es, wenn es zum Hobby wird, sich dieser Lächerlichmachung aktiv auszusetzen und sich nicht zu wehren. Manche Leute im Dorf können unglaublich grob sein. Standardmäßig.
2
Wir drei Ehefrauen schauen im Vergleich zu den verrückten Singlefrauen ziemlich normal/durchschnittlich/langweilig/unspektakulär/grau aus der frisch gewaschenen Wäsche.
3
Jetzt, wo es so richtig schön brennt, dürfen Frauen allerorts an die Spitze der Kirchen, um den Sauhaufen aufzuräumen.
4
Sie schenkt mir drei Messingkerzenständer, Erbstücke ihrer Mutter. Ich putze sie mit Sidol aus einer neu erworbenen Flasche. Das Putzen erinnert mich daran, wie ich früher immer wieder mein Flügelhorn aufpolieren musste. Marke und Geruch haben sich in 50 Jahren nicht geändert.
5
Vielleicht sollten wir unseren Immobilieneifer ja auf die Gartenpflege verlegen, wo die Pflanzen wie gutartige Wolkenkratzer gedeihen und uns mit ihrem Anblick erfreuen.
6
Sich öfter verneigen.

Schreiborte Mallorca


S-Bahn zwischen Wolkersdorf und Flughafen Schwechat
Ich bin auf dem Weg zum Flughafen. Am Frühstückstisch lag heute ein Zeitungsbericht über Mallorca in der Nachsaison. Wie passend. Darin wird vorgeschlagen: Einfach ins Meer starren. Zwischentöne zulassen, weil es ruhig ist. Die Wellen rauschen hören. Einen gemeinsamen Fluss finden.
Was werde ich finden? Was werde ich hören?
Es macht wenig Sinn, auf Mallorca ständig an die Arbeit zu denken. Den Gedanken daran sollte ich jetzt loswerden.
Die Kürze des Lebens schockiert mich immer wieder und lähmt mich manchmal. Vielleicht gelingt es mir im Laufe der Reise, der Leichtigkeit Einzug zu gewähren. Nicht zu viel zu wollen, nicht fleißig sein zu müssen. Leider habe ich oft den Eindruck, nichts mehr wert zu sein, sobald ich nichts leiste.

Flughafen Wien Schwechat
Ein Monolog meines Reisegefährten:
Wie ist es möglich, dass es Menschen gibt, die einen See kaufen?
Wie kann man einen See kaufen?
Und von wem?

Vis-à-vis  vom Café Franzel am Flughafen gibt es ein Klo.

Im Flugzeug
Mein Reisegefährte darf sich im Flugzeug für ein paar Minuten im Cockpit des AUA-Flugzeugs, das uns von Wien nach Palma bringt, umschauen und ein paar Fragen stellen. Das sind wohl besondere Werbemaßnahmen. Hier klärt sich auch auf, dass die Funkverbindung im Flugzeug nicht nur über WLAN läuft. Das beruhigt uns beide.

Die Terrasse des  Hotelzimmers mit Blick auf den Playa de Palma
Die Terrasse ist wunderbar. So stelle ich mir eine Traumschreibstube vor. Das Hotel ist austauschbar, der Blick aufs Meer nicht. Auf Mallorca gibt es neben Touristen viele Kapernsträucher. Das beruhigt mich auch. Hab Salz in den Augen. Mehr als gewohnt. Das Meer ist grün, ultramarinblau, weiß, grau und türkis.
Für den Maler William Turner gab es nur die Grundfarben Rot, Gelb und Blau. Mischfarben waren für den Puristen out, sagt der Künstlerfreund.
Der Wind macht das Meer sehr wild. In der Nacht ist ein konstantes Rauschen zu hören, nicht das melodische Auf und Ab einer sanften Flut. Mir ist das Wilde lieber.
Mallorca wurde 2025 zum overtourismreichsten Landstrich der Welt erklärt. Ich verstehe die Menschen, die hier Urlaub machen. Es ist schön hier. Und jetzt sehe ich auch, wie der „Ballermann“ geographisch angelegt ist.
Er besteht aus 15 direkt am Strand gelegenen Stützpunkten. Hier gibt’s Alkohol. Hier gibt’s Meer und Sonne, also Naturromantik und Musik. Hier kann man tanzen. Und laut sein. Und hier ist man Tourist. Dass man sich dabei von seiner schlechtesten Seite zeigt, das ist nicht nachvollziehbar.

Ich bin umgeben von inspirierenden Dingen und freundlichen Menschen. Zum Beispiel von jenen, die in Gelb-Türkis gekleidet sind.
Ich habe keine Termine. Ich höre zu. Der Wind ist nach wie vor stark im Kommen. Heute allerdings scheint den ganzen Tag über die Sonne. Und die wärmt. Meine Schwester betont manchmal, wie befriedigend es doch ist, etwas ganz gut zu können. Zum Beispiel ein Instrument zu beherrschen oder einen Chor zu leiten. Ich kann jetzt ganz gut hier sitzen und in den Tag leben.
Später werde ich im Mittelmeer schwimmen. Noch ist eine Insel unter mir. Wir wohnen bei Ballermann 12.


Palma
In der Straße Passeig del Born, Born 8
Der Tag dauert noch relativ lange, da wir weit im Südwesten von Wien einquartiert sind. Ich kann von allem nehmen, es ist ja alles da.
Das Paar am Nachbartisch bestellt einen Kübel voll mit Sangria. Der Typ versucht wahrscheinlich, die Frau damit gefügig zu machen. Es sieht ganz danach aus.
Wenn ich wieder im Weinviertel bin, werde ich meine Mutter bitten, mir eine Pipi-Langstrumpf-Schürze zu nähen.

In der Nikolauskirche findet ein Familien- bzw. Kindergottesdienst statt. Die Kleinen tragen feine Schuhe und Stutzen oder Söckchen und schauen zuckersüß aus.
Ein alter Beichtpriester, ein mittelalter Hauptzelebrant und ein junger Kaplanschönling, an dem die jungen Mädchen und deren Mütter picken. Alles beim Alten!  Mein Reisebegleiter sagt: „So etwas mag ich nicht sehen, wenn die Kirche funktioniert.“

 Alleen mit sehr hohen Platanen – eine Prachtstraße, links und rechts gehen schmale Gässchen weg. Die Bäume sind herbstlich gefärbt. Jedes kleine Eck hat seine Berechtigung. Die Architektur ist außergewöhnlich pompös und alle Gebäude, Kirchen und Straßen sind sehr gut erhalten. Hier fließt natürlich viel Geld. Auf dem Place de la Cort laufen wir auf einen über 600 Jahre alten Olivenbaum zu. Eine gewachsene Skulptur. In Anlehnung daran serviert man im Lokal Martini mit drei Oliven. Ich zeige meinem Reisegefährten ein rosarotes „Nichts“- Bild. Er sagt: „Schöne Unterwäschfarbe!“
Im Stadtzentrum stellen jede Menge Galerien gefällige Kunst in den Schaufenstern zur Schau. Überall hängt schon die Weihnachtsbeleuchtung. Es ist warm. Es muss schön sein hier am Abend, denke ich. Mein Reisegefährte schwärmt von der Stadt am Morgen. Vielleicht schaffen wir es, noch zweimal hereinzukommen.

Deutsch ist die zweite Landessprache.
Dass die Insel voller alter Menschen ist, darf mich nicht schrecken, denn ich gehöre ja auch schon dazu.
Allerdings muss ich nicht akzeptieren, dass ich auch Scheisskerlen gehören soll, die überall meckern und die sich hier eine Wohnung leisten, um dann ein paar Monate im Jahr unter der Sonne zu leben.
Die Brillen passen perfekt, die Kleidung auch und überhaupt alles. Alles ist durchgestylt und man spricht natürlich auch ein bisschen Spanisch.
Mein Blick fällt auf die Haut einer jungen Frau, die neben mir in ein Schaufenster schaut.


Placa de Weyler
In der Galerie sehen wir 3.000 tiefblaue Schnüre, die von der Decke hängen. Auf der Spiegeltreppe erblicken wir das Paradies. Dann wird uns mitgeteilt, dass der Künstler tot ist und die KI lebt. Die Innenräume der öffentlichen Gebäude protzen dezent.
Der Platz vor dem Dom: Wasser trifft auf Wasser. Süßwasser und Salzwasser. Brunnen und Meer. Im Haus Caixa Forum gibt es eine weitere Ausstellung. Werke aus dem Centre Pompidou, das derzeit renoviert wird, finden hier eine Zwischenbleibe. Picasso Miró, Georgia O’Keeffe. Das Gebäude selbst ist voll mit feinstem Kunsthandwerk. Es gibt Steinhauerarbeiten, Kunstschmiedearbeiten,  pompöse Glasfenster, Mosaike und Marmor. Der Kaffee schmeckt ausgezeichnet. Die Schulklassen, die durch die Ausstellung geführt werden, sind johlende Kindertrauben.
In der Straße La Rambla befindet sich der Blumenmarkt. Die Platanenallee wächst in den Baumkronen zusammen.

La Biblioteca de Babel.
Wir erarbeiten Space zwischen uns, indem wir gemeinsam unterwegs sind.
Wir schauen uns zwei Kirchen an: San Miguel und San Nicolas. In der Kirche San Miguel, einer Rundkirche, zünden wir eine große, weiße Kerze an.
Im Hintergrund läuft das Lied „Nada te turbe”. Ich könnte dankbarer sein für mein Leben, als ich es bin.
Zwei Ecken weiter befindet sich die wunderbare Bibliotheca de Babel.
Mein Reisegefährte liebte früher Thomas Mann und Jules Verne, „20.000 Meilen unter dem Meer” und andere Fantasygeschichten. Genauso liebte er Penderecki, weil während seiner Ausbildung immer eine Verbindung zur Malerei hergestellt wurde. Während wir in der Bibliothek ein Glas Wein trinken, rücken wir ein paar Geschichten von Bekannten zurecht.

Der Markt in La Palma
besticht durch ausgeklügelte Lichtverhältnisse. Die Ware wird mit besonderen Spots beleuchtet. Da lassen sie sich nicht lumpen, die Mallorquiner.
Jetzt habe ich den Green Flash versäumt”, sagt mein Reisegefährte eine halbe Sekunde nach Sonnenuntergang. Für mich sind am Horizont nur ein Leuchtturm und ein Sendemast zu sehen.

Faro di Cargo Faguera. Der Leuchtturm.
Die Nikolaikirche imponiert mir. Auch der kleine Hafen zwischen La Palma und unserem Allsun-Hotel macht gute Laune. Lieber ist mir der Pfarrer als ein echter Kitesurfer, was Gehabe und Kleidung betrifft. Die Wolken, die hier schweben, leuchten noch lange rosa. Badeschluss – es sieht ganz danach aus – ist traurig und macht melancholisch. Ich kann üben, einfach am Meer zu sitzen und zur Ruhe zu kommen. Ich spüre die Salzluft in meinen Lungen. Es kühlt ab.

Hoffentlich habe ich genug warme Sachen mit! Der Mantel wärmt. Jetzt ist es so, wie ich es mir so oft wünsche: Das Wichtigste ist schon geschehen. Wir haben uns gefunden.


Das All Inklusive Hotel
hat einen für mich bislang unbekannten Speed. Die Art, wie man hier Menschen beglückt und vor allem, die Art, wie sich Menschen hier beglücken lassen, ist ziemlich menschenfremd – Der Mensch denkt sich halt Eigenartiges aus, um sich oder die anderen zu vergnügen. Zum Beispiel den ganzen Tag in der großen Gruppe zu verbringen. Morgengymnastik, tolles Frühstück, Vormittagsprogramm, tolles Mittagessen, Strand, Sauna, Fitnessraum, Jause, Spaziergang, tolles Abendessen, Abendprogramm. Und alles auf sehr hohem Niveau und perfekter Infrastruktur. Es funktioniert perfekt. Alles fließt, es gibt kaum einen Leerlauf. Man muss das Ressort nicht verlassen. Es ist wie die Vorstufe zum Altersheim.
Das Personal macht seine Sache mit höchst professioneller Freundlichkeit und sorgt dafür, dass alles am Laufen gehalten wird. Das Personal ist grandios freundlich. Aus allen Hähnen fließen Kaffee, heißes Wasser oder Fruchtsaft. Nur Alkohol muss man extra ordern. Mein Lieblingsessen: Wilder Meerfenchel.
Ich treffe die Großeltern von Joachim Meyerhoff – also sinnbildlich, jene aus seiner Münchner Zeit, die mit den klar definierten Alkoholkonsumzeiten. Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke!
Während der Mahlzeiten beobachten wir zwei Reisenden uns selbst sehr genau und wir beobachten uns, während die anderen uns beobachten. Und wir sehen uns selbst an, wie wir uns beobachtet fühlen. Es ist dann doch ein sehr interessantes Spiel, ohne dass es gesellig wird.
Und niemand hindert uns daran, von hier immer wieder wegzugehen.

Der Meerblick vom Zimmer aus ist kitschig schön. Sogar bei Regenwetter. Mich stört Regenwetter nur, wenn ich eine Outdoorveranstaltung plane oder während der Weinlese.

Im Meer
Das Schwimmen am Morgen im warmen Meer, während die Luft rundherum kalt ist, gibt mir ein besonderes Körpergefühl: Ich bin rundum warm. Auch die Seele ist es. Es ist mit nichts zu vergleichen. Und am Abend tropft die Sonne für uns ins Meer.

Can Pastilla
Von Can Pastilla gehen wir zu Fuß zu unserem Hotel. Der Weg führt entlang des Meeres. Wir bewegen uns in einem Rhythmus, der still macht. An allen Ecken und Enden wird etwas gerichtet, der neue Boden rund um die majestätischen Palmen, der Zufluss des Flusses wird wieder von Sand freigemacht, die Hecken werden geschnitten, das Laub wird weggeblasen und aufgekehrt. Die Menschen tragen Jacken und lange Hosen. Es hat auf 18 Grad abgekühlt.
Mein Reisegefährte kümmert sich, dass alles gut und schön ist. Es fällt mir leicht und ich genieße, es geschehen zu lassen. Normalerweise ist das gar nicht meine Art.


Sóller. Botanischer Garten
„Komm hoch und lass dich gehen“ – das ist der Werbeslogan der historischen Straßenbahn von Sóller.
Man könnte ihn auch für den Katamaran auf dem Meer verwenden. Seit einigen Tagen liegt er dort und wankt. Wir stellen uns vor, wie unmöglich es sein muss, darauf eine Tasse Kaffee zu trinken! Hoffentlich haben die Passagiere ein Notquartier. Wir nehmen trotzdem den Bus bis Soller. Die Berge, die links an uns vorbeirauschen, sind ziemlich hoch. Sie gehören zu den Ausläufern der Serra de Tramuntana, die erst so richtig in Sóller loslegen. Der höchste Berg, der Puig Major, ist 1450 Meter hoch. Wir lassen die Berge hinter uns und kehren in der Kneipe „Bar Stop“ ein, wo wir ein einfaches Mittagessen mit Okra-Gemüse und einen gut gelaunten Koch vorfinden.

Mittlerweile regnet es ganz beträchtlich, aber es ist relativ warm. Im Botanischen Garten kaufe ich mir einen Regenschirm für fünf Euro. Zu zweit geht es sich doch leichter unter zwei Schirmen. Ich bin von den Pflanzen begeistert. Vor allem von den vielen Kakteen, die bis in den Himmel ragen. Endlich sehe ich Zwergpalmen, die einzigen Palmen, die hier ohne menschlichen Eingriff vorkommen würden. Und ich sehe, wie hohe Kokospalmen aussehen, wenn man sie nicht schneidet und zurechtstutzt. Das sieht eher wie ein Fell aus.
Die Kellnerinnen am Hauptplatz in Sóller sind so unfreundlich wie in Wien. Das ist ungewöhnlich für Mallorca. Aber wir sitzen so gut, dass wir den Nostalgiezug vorbeifahren sehen. So machen das die Touristen.


Nach dem Ausflug nach Sóller kann ich die Größe der Insel und die Rolle der Berge hier besser einordnen. Am Abend beobachte ich, wie zwei männliche Hotelgäste sich streiten. Am Morgen spricht mich eine freundliche Frau auf das Thema Schwimmen an. Solche kleinen Bemerkungen hie und da halte ich gut aus. Mit allen Menschen, die hier wohnen, habe ich Mitleid. Ein vollkommen deplatziertes Gefühl, und trotzdem ist es einfach da.


Im öffentlichen Bus
kommen wir einer Schulklasse nahe. Die Stimmung ist gut. Mir fällt die ungewöhnlich dichte Haarpracht der Jugendlichen auf.


Und innen? Was passiert da?
Der Wind höhlt aus. Das ist innen.

Und der wohltuende Rhythmus, einfach in den Tag hineinzugehen, sich hier und da etwas anzuschauen, zu essen, Kaffee zu trinken und am Markt guten Wein zu trinken.


Flughafen in La Palma
Auf Mallorca gibt es überall Dauerberieselung durch Partymusik oder Longemusik. Sogar auf dem Flughafen. Die Musik lullt ein.

Wien. Rennweg.
In unserem Lieblingslokal an der Ecke stillen wir unseren Ankommenshunger mit einer Grießnockerlsuppe und Ingwertee mit Zitrone. Das Einschleusen in den Alltag, nachdem man an der langen Leine war, hat eine arge Kante. Ich rede schon wieder im Dialekt. Ich stehe dazu, Touristin zu sein. Unberechenbares kann ich daheim ohnehin erleben. Warum sollte ich immer wie ein Sonderfall und eine Geheimtouristin behandelt werden? Allein die Möglichkeit, dieses Meer zu sehen und zu hören, ist ein Privileg.

Ich spüre meine Meerbesuche noch auf der Haut. Wir hatten jetzt eine Woche lang Auslauf. Wie schon gesagt, jeden Tag einen Sonnenaufgang und einen Sonnenuntergang, und am letzten Tag gab es sogar etwas Hagel für mich Winterkind!

Vereinsamen


1
Mich zu verschwenden, das macht mir keine Angst. Eher fürchte ich mich davor, zu vereinsamen, vergessen zu sein, bevor ich weg bin.

2
Wir schmieden keine Pläne. Ich bekomme warme Socken und Licht in einem Buch geschenkt. Hoffentlich lassen wir uns in der kurzen Lebensspanne, die wir auf Erden verbringen, niemals mehr außer acht.

3
In einer Welt, die sich verschworen hat, jeden zu einem von vielen zu machen, liegt echtes Heldentum darin, genau und gerade man selbst zu sein. Dann ist man auch nicht allein.

4
Wenn ich lese, füge ich meinem eigenen Leben das Leben anderer Zeiten hinzu. Ich weiß mich in der Gemeinschaft von Menschen vergangener tausender Jahre. Meine Zeit dehnt sich großzügig in die Geschichte hinein aus.

5
Der Sohn beschreibt sein Abschiednehmen, als wir die letzten Dinge seiner Großmutter wegräumen. Ihm fällt es wie Schuppen von den Augen, dass auch er sterblich ist. Jetzt weiß er noch sicherer, dass er Kinder haben möchte – nicht zuletzt, damit es einmal jemanden gibt, der seine Sachen wegräumt. „So egoistisch bin ich!“, meint er.
Familie scheint zu bleiben …

6
Geh täglich mit jemandem für mindestens eine halbe Stunde lang spazieren!

7
Mir ist kalt, und ich rufe nach „Mutti!“, so laut, dass sie mich jetzt sogar einmal am Telefon zurückruft, um nachzufragen, ob es mir schon besser geht. Irgendetwas in mir sehnt sich nach Geborgenheit und Wärme, nach ständiger Geborgenheit und nicht enden wollendem Wohlbehagen.

Distel


1
Kranksein ist keine helle Freude. Das Leben sorgt dafür, dass mein Glück nicht von Dauer ist. Ich muss mich also mit einer Nettoglücklichkeit zufriedengeben. Tu ich nicht.
2
Er hat in einem Spieleseminar gehört: „Der Körper schaut auf dich, aber du schaust nicht immer auf den Körper!“ Ich sage: „Was ist das denn für ein Blödsinn?!“
3
Sie ziehen ein Leben in großer Sicherheit einem Leben mit größtmöglicher Lebendigkeit vor. Man sieht es ihnen an ihrer Körperhaltung, ihrer Mimik, ihrem gesamten Erscheinungsbild an. Und in ihrem Garten wächst nicht einmal eine kleine Distel.
4
Der Sinn von Politik ist Freiheit, sagt Hannah Arendt, und Freiheit ist nicht gemütlich.
5
Freundlich zu sein ist heutzutage ein Akt der Sabotage.