Ein Sommertag in Györ
1
In Győr ist ein Barockfestival angekündigt. Erwarten uns dort jetzt Straßenmusikant*innen? Das würde mir gefallen.
2
Dass wir uns das so vorstellen können, finde ich wunderbar: Die drei Flüsse von Győr erwarten, empfangen und umarmen uns. Raab, Rabnitz und Mosoni-Donau. Ich nehme ein Stück Schwemmholz aus Nexing mit und hoffe, nach der kurzen Reise mit einem weiteren wieder zurückzukommen.
3
Wir bewegen uns mit dem schönsten Verkehrsmittel: zu Fuß, langsam, durch die Stadt.
4
In der Stadt wird viel gebadet, Boot gefahren, gerudert und gepaddelt.
5
Hier geht es jetzt einmal nicht um Entspannung, sondern um die richtige Spannung!
6
Die Ausstellungen, die wir besuchen, berühren uns ganzheitlich: Die Ausstellung der Keramikerin Margit Kovács im schönsten Haus der Győrer Innenstadt, die Ausstellung eines Sammlers, der ungarische Malerei zeigt, unter anderem ein zartes Bild mit Bank und Wäldchen von István Szőnyi oder Zeichnungen von Jenő Barcsay, von dem ein ausführliches schriftliches Standardwerk zu seinem Schaffen aufliegt.
Die Ausstellung der chinesischen Krieger erinnert mich an die Stollenbesichtigung im Museum KZ Ebensee heuer im Sommer.
Mein Reisebegleiter weist mich auf die Hasenjagd-Skulptur hin, die den jüdischen Schriftsteller Miklós Radnóti zeigt, der in den letzten Kriegstagen 1944 als völlig Entkräfteter aus der Stadt getrieben wurde, auf dieser Menschenjagd zu Tode kam und verscharrt wurde. Einige Jahre später bettete man seinen Leichnam in ein Grab um. Dabei fand man seine Gedichte, die er auf diesem letzten Weg bei sich getragen hatte. Dieses Gedicht befand sich in seinem Notizbuch:
Neben mir stürzt ein Körper, er dreht sich noch um,
sein Blut fließt auf die Erde, gerinnt im Gras.
„Steh auf, mein Freund, es ist vorbei …“ flüstert es mir zu,
doch ich weiß: Mein eigener Tod reift schon in diesem Blut.
7
Mein Reisegefährte verwöhnt mich mit Geschichten, die allerdings meist trauriger Natur sind.
Er zeigt mir das ehemalige Zollhaus, in dem er früher wohnte: ein kleines weiß-braunes, ebenerdiges Eckhäuschen mit kleinem Garten beziehungsweise Hof. Für eine Familie mit drei Kindern war es wohl sehr klein. Aber es gab genügend Auslauf, über die Straße hinweg zur Mosoni-Donau, zu den Fischerbooten und in den Auwald.
Er erzählt mir vom Nachbarn, der ihn als kleinen Jungen zum nächtlichen Fischen eingeladen hatte. Natürlich wollte der Bursche mit. Allerdings schlief er auf dem Boot sofort wieder ein. Der Fischer hatte damit gerechnet und ließ ihn schlafen.
Oft erzählt mir mein Reisegefährte von seinem Hund, einem Mischling, dem er einmal das Leben rettete. Der Hund sprang von einem Boot aus ins Wasser, weil er wohl annahm, der dichte Algenteppich sei fester Boden. Dabei verhedderte er sich in den Algen und wäre beinahe ertrunken. Schließlich angelte ihn mein Reisebegleiter heraus. Selbst im Bootsinneren machte er noch verzweifelt-hilflose Schwimmbewegungen und beruhigte sich erst lange nach diesem Schock.
Nach dem Umzug vom Zollhaus in die Wohnung in der Stadt beziehungsweise ins Internat konnten und wollten die Eltern den geliebten Hund nicht mitnehmen, weil es damals undenkbar war, einen Hund in einer Wohnung zu halten. Ihn ins Internat zu schmuggeln, war ebenfalls unmöglich. Die Zeiten waren brutal. Der Hund wurde sich selbst überlassen.
Wochen später fuhr mein damals noch sehr junger Reisegefährte ein letztes Mal zum Zollhäuschen. Dort wartete der Hund und legte sich auf seine Füße.
Er erzählt mir vom Gefängnis Kommunismus. Zur Identifikation gab es lediglich einen Personalausweis. Der Antrag auf einen Reisepass führte in eine endlose Vertröstungsschleife: Ja, nächstes Jahr. Dann wieder: nächstes Jahr. Dann: Machen Sie erst einmal den Heeresdienst, dann gibt es eine Chance. Diese Chance wurde genutzt, bedeutete aber zugleich den Abschied für immer von diesem Land.
Er zeigt mir ein relativ großes weißes Haus, das etwas anders aussieht als die übrigen. Früher lud es meinen Reisegefährten dazu ein, von der Ferne und einem anderen Leben zu träumen. Die Thujen-Bäume davor wirkten wie Pinien oder Zypressen des Südens.
Er zeigt mir die Bar über einem Restaurant, deren Besuch sich in kommunistischen Zeiten hauptsächlich privilegierte Kader (nannte er sie zwielichtig?!) leisten konnten. Hier gab es Livemusik, einen langen Tresen und außergewöhnliche Getränke.
Wie kommt man auf die Idee, Grenzen von innen dichtzumachen?
8
Die Kellnerin in unserem Lieblingslokal an der Donau blüht erst beim dritten Besuch auf und wird freundlich und zuvorkommend. Wir bestellen Fischsuppe und Túrós Csusza, Topfennudeln mit Speck. Über diesem städtischen Schmuckkästchen nahe Wien liegt eine gewisse Touristen-Lethargie.
Grammelpogatschen und Fröccs. Kisfröccs (kleiner Fröccs), Nagyfröccs (großer Fröccs), Hosszúlépés (langer Schritt). Ein Fröccs ist die ungarische Variante des weißen Spritzers. Das Sodawasser in unserem Lokal ist mittlerweile leider lasch und hat viel zu wenig Kohlensäure.
Zum zweiten Frühstück eine Klobasse auf dem Markt?
Wir suchen und finden das Lokal, das für seine großen Schmalzbrote berühmt ist. Leider haben wir jetzt keinen Hunger mehr.
Zum Schlafengehen gibt es trotzdem noch Raffaello-Eis.
9
Auf dem Nachhauseweg vom Ausflug in die Stadt, es ist schon nach 22 Uhr, ist das Barockfestival zu Ende. Die letzten Maskierten verschwinden in den dunklen Straßen. Die Stadt selbst war beste Kulisse. Die vielen barocken Häuser, Fassaden und altmodischen Laternen verführten zu einem Blick in die Vergangenheit.
10
Beim nächsten Mal bleiben wir ein paar Tage länger. Dann finden wir leichter Zeit, in die Wälder und Weinberge hinauszufahren oder gar das Städtchen Szentendre zu besuchen, in dem seit den 1920er-Jahren viele ungarische Künstler*innen Heimat und Bleibe fanden.
11
Die Seele baumeln lassen.











