Autormartha

Reichtum

1
Am allerwenigsten Künstlerin bin ich beim Einkaufen.

2
Ich will glaubhaft behaupten, dass Phantasie in vielen Belangen wichtiger als Wissen ist.

3
Heute hole ich glückliche Kinder von einer Party ab. Glücklich deshalb, weil dort so viele ruhige, feinsinnige Jugendliche versammelt waren.

4
Das habe ich nicht geschafft in meinem Leben. Einmal so richtig viel Geld zu verdienen. Es hätte mir passieren müssen. Passieren können. Wär gar nicht so schlimm gewesen.

5
Kultur, das ist alles, was wir im Alltag machen, so, wie wir es eben machen.

6
Ich schaue während des Konzertes vor allem auf die zarten Hände der zwei Musiker und höre zu. Mit den wenigsten Worten sprechen sie in die Vollen, sagen alles und lassen alles offen. Und ich weiss ganz genau, was gemeint ist. Und darüber legt sich wie ein Zuckerguss der Flügelhornist, flüsternd mit seinem Instrument, so leise, wie es Sprache kaum kann.

7
An jedem meiner 10 Finger steckt ein Ring. Jenden Ring ordne ich einer Person zu . So trage ich sie alle wie kleine Moleküle mit mir herum.

8
Ich muss mein körperliches und mein seelisches Heil schützen!

9
Für den Herbst bleibt mir, geistige Reisen zu unternehmen.

Veränderung 2

1
Ein Gedicht weckt mein Bedürfnis nach Veränderung.

2
Jene Schwestern, die auf der Palliativstation arbeiten, brauchen nach 12 Jahren Abwechslung zum Tod.
Bergsteigen? Tanzen? Davonlaufen?

3
Damals, als ich noch jung war, gab es keine Sicherheitsgurte im Auto. Und wo saßen wir? Vorn auf dem Schoß der rauchenden Mutter.

4
Die Ärztin fragt mich danach, wie die eigene Ausscheidung riecht. Um einen Anhaltspunkt zu haben, rufe ich mir in Erinnerung, wie das damals gerochen hat im Stall bei den Schweinen, den Kühen und Kälbern, bei den Hühnern. Den Schafen. Am besten hat es bei den Pferden gerochen. Und nun im Vergleich dazu ich selber, wie rieche ich wohl…

5
Meine Schwester erzählt davon, dass die Sandkiste dem Tischtennistisch weichen muss und der Sand unverzüglich in ein frisch angelegtes Spargelbeet wandert. Die Kinder wachsen, die Pflanzen wachsen auch.

6
Dass meine Veränderungen eine Enttäuschung für andere sind, weil die mich ja so nicht kennen, sehe ich. Derweil bleibe ich ich. Nur mein Innen kehrt sich deutlicher nach außen.

7
Eine Definition von Liebe ist der Wunsch, sich tatsächlich für jemand anderen zu verändern.

8
Beim Zugfahren denke ich mir, es gibt zu viele Menschen auf der Welt.

Reisen

 

1
Jedes Jahr sage ich mir erfolglos aufs Neue: Nächstes Jahr fahre ich nicht in der Garten-Wachstumsphase in Urlaub!

2
Heimlich reisen

3
Ein Gipfelkreuz erzählt eine Geschichte, die vor geraumer Zeit von vielen verstanden wurde. Es gab Zustimmung. Welches Symbol für welche Geschichte stellen wir heute auf? Einen Geldschein? Eine Redbulldose? Die russische Fahne? Wie konzentriert man Individualismus, Turbokapitalismus und Mittelmaß in ein Symbol und bringt es dann auf einer Bergspitze an? Steht Allgemeingültiges noch zur Auswahl?

4
Auf der Großglockner Hochalpenstraße fahren wir mit dem Auto über die Berge. Jedes zweite Auto ist ein Cabrio. Die andere Hälfte sind Motorräder. Das kurze Stück Straße bis auf die Edelweißspitze ist mit Steinen gepflastert. Wir fahren sehr steil bergauf und bergab.

5
Keinen am Tisch stehen haben, der ungefragt ein Lied singt und dem ich dafür etwas bezahlen soll.

6
Ist es kühler geworden?

7
Im Tourismus zu arbeiten bedeutet, keinen Sonntag zu kennen. Genauso wenig kennen diese Männer einen Sonntag, die mit Bagger und Lastboot auf der Donau arbeiten, den Schwemmsand herausbefördern.
In unserem Hotel gibt es keine Pflanzen. Keine Blumen auf den Zimmern oder Tischen.

8
Eine innere Veränderung geht leichter von statten, wenn man im Außen etwas verändert. Eine große Reise macht. Im Ausland arbeitet. Ein neues Projekt angeht. Die Persönlichkeit zu ändern ist ein unmöglich Ding. Weshalb sollte man das auch tun.

9
Die Bahn steht am Gleis und macht mir Schatten. Hoffentlich fährt dieser Cityjet bald wieder weiter.

10
Reisen entlang einer Linie. Zum Beispiel entlang verlorener Wörter. Oder alter Bäume.

11
Nimmst Du mich mit in Deiner Manteltasche?

 

Liebhaberin


1
Kauf einen Blumenstrauß und verschenke ihn an einen Unbekannten!

2
Mein Liebhaber hat einen Weingarten. Mein Liebhaber möchte am liebsten ganz allein in einer alten Fabrik wohnen. Mein Liebhaber hält meine Website auf dem aktuellen Stand. Mein Liebhaber kümmert sich um schönes Wetter. Mein Liebhaber wünscht mir einen Menschen, der mich besser versteht als er. Mein Liebhaber mag keine Texte lesen, in denen zu oft das Wort Liebe vorkommt. Mein Liebhaber behauptet nachdrücklich, dass Liebe ein Synonym für Schmerz ist. Mein Liebhaber mietet mir ein Schloss auf Spitzbergen. Dahin ziehe ich mich jetzt zurück.

Tränen


1
Kannst Du Dich erinnern, was Dich damals so berührt hat bei der Lektüre des Buches, sodass Du weinen musstest? Gab es da einen besonderen Gedanken oder etwas, was Dir aufgegangen ist, was Dich erschüttert hat?

2
Die Frau liegt im Bett und weint und redet sich den Kummer von der Seele. Sie kommt nicht vom Fleck, weil der Schmerz groß ist.

Der Fünfundneunzigjährige möchte die Trauer über seine Enkelin ausdrücken, die überraschend in einen Karmel in Frankreich eingetreten ist und die er sicher – nach den dort herrschenden strengen Regeln – nie wieder sehen wird. Also weint er.

Der zu Tode verurteilte Winzer, der dem Sohn nicht zutraut, jetzt die ganze Arbeit alleine zu machen, der ihn nicht im Stich lassen möchte, der mitgestalten will, der seine Handschrift noch nicht stilllegen will, er weint.

Er erzählt die Geschichte seiner Beziehung. Dass ihn seine Frau immer weniger versteht. Dass er nicht mehr kämpfen möchte, dass er nicht mehr müssen möchte. Er weint.

Auf der Treppe treffen wir den Freund, gezeichnet von der letzten Chemotherapie, trotzdem ein Strahlen im Gesicht. Seine Frau dreht sich weg von uns und weint.

Der Sohn sieht in der Vorhalle der kleinen Dorfkapelle die schon vergilbte Parte seines Vaters an der Wand hängen. Das rührt ihn zu Tränen. Hier, hunderte Kilometer weit weg von der Stadt gibt es einen Ort, an dem er beheimatet war, sein Vater.

3
Ich strebe eine Auflistung tränentauglicher Filme an, um zu sammeln, wie viel angestaute Traurigkeit im Umlauf ist.

4
Viel spricht dafür, dass es der kulturell dominant gewordene Kapitalismus ist, der unsere Gesellschaft und Lebensführung beherrscht. Er ist seit längerem viel mehr als nur eine teils höchst erfolgreiche, teils höchst ungerechte Weise, die Wirtschaft zu organisieren. „Wo Geld zum einzigen Regulativ des symbolischen Tauschs wird, sind trockene Augen und ein entschiedenes, zielgerichtetes Auftreten geboten“, sagt Isabella Guanzini

 

Erbarmen


1
von keinem Vorwand maskiert

2
geradlinig

3
Ich starre auf den neuen Bildschirmschoner.

4
„Es gibt nichts Neues unter der Sonne“ (Koh 1,9)
Wir wiederholen das Alte und lassen es nicht in Vergessenheit geraten. Nur mit diesem Hintergrund kann ich verstehen, weshalb sie in Salzburg nun schon seit über 100 Jahren immer wieder den „Jedermann“ spielen.

5
Die Krankenschwester informiert mich vor meinem Besuch dieses Patienten, er sei ein schöner Mann und endlich gehe man nach einer Visite mit einem guten Gefühl aus dem Zimmer hinaus, nicht mit jenem einer Unheilsbotin.
Mich bittet er am Ende unserer Begegnung darum, nie wieder ein Gespräch mit einem „Ich störe sie jetzt…“ zu beginnen. Ein derartiger Start erzeuge beim Empfänger ein negatives Gefühl.
Na gut, hat er das Ruder übernommen. Ich reüssiere:
Er leidet unter Schmerzen und ich bemerke es zwar, spreche es aber nicht an. Er räumt sich selber das Essen weg, weil er Besuch (mich) hat. Er holt sich am Stützpunkt ein Schmerzpflaster, weil seine Schmerzen immer stärker werden. Er denkt darüber nach, was ich besser machen könnte.
Wie gut ich ihn darin verstehe, dass er noch nicht fertig sein möchte. Wie wenig ich davon verstehe, was es heißt, bald sterben zu müssen.

***
Sie steht vor einer Wand. Es gibt keine Tür in dieser Wand und dahinter ist der Blick auf ihren Tod freigegeben. Und die Ahnung, dass sie noch 20 Jahre darauf warten muss. Ihr halb leeres Glas ist ganz leer.

***
Der alten Frau aus dem Leibstuhl aufhelfen. Ihre Füße sind noch in Ordnung. Trotzdem vertraut sie ihnen nicht mehr. Im Bett fühlt sie sich am wohlsten. Sterben geht nicht auf Knopfdruck.

6
Man malt sich ein Jenseits aus, um sich nicht gänzlich der Welt ausgeliefert zu fühlen, man weiß, dass jegliche Art von Religion oder Ideologie menschengemacht ist, um das Dasein und den Tod irgendwie zu ertragen.

7
Er beobachtet mich dabei, wie ich Bier bestelle und mit den Einheimischen Trinkern an der Bar kommuniziere. Da bist du eine andere, meint er. Deine Stimme ist eine ganz andere. Du spielst eine Rolle. Natürlich! Total verschissene Zeit, meint er.
Das Ganze ist ein Spiel. Ein Versteckspiel. Manchmal spiele ich das gerne. Ein Spiel ist zweckfrei.

8
Es geht mehr, als man glaubt. Die Enten schlafen am Teich. Der Wind rührt sich. Das Beste kommt noch!

Logbuch


1
Wir treffen uns vor der Abreise am Brunnenmarkt und essen zu Abend bei einem unkomplizierten Türken. Wien schillert. Wien glüht. Ich bin sofort in Urlaubsstimmung. Ein Mitarbeiter der MA 48 fährt mit einem Wassertank über den Markt und spritzt Wasser auf die aufgeheizte Straße.

2
Morgens um fünf Uhr: 31 Grad Celsius. Wir verschwitzen die Nacht. Als wir am Flughafen ankommen, hat die Cafeteria gerade erst geöffnet. Weder die Kaffeemaschine noch der junge Mann, der sie bedient, sind schon in Schwung. Das Warten auf den ersten Espresso fällt uns allen nicht schwer.
Der Flug verläuft unspektakulär. Umwelttechnisch hat es keinen Sinn, mit dem Flugzeug unterwegs zu sein.  Obwohl diese Fortbewegungsart zur Gänze selbstverständlich daherkommt, wenn man sich schon einmal auf dem Flughafen befindet. Werden wir in Zukunft nur mehr zu Fuß gehen? Drei Paare, die mitfliegen und hinter uns sitzen, sind leicht alkoholisiert. Die Männer müssen lustig sein.

3
Wir haben Glück damit, am Samstag in Hilversum einen Zwischenstopp zu machen. Es ist Markttag und das Gemüse schmeckt nach echt. Die Fritten mit Mayo und Zwiebeln auch.

4
Alle Räder, die auf das Hausboot geschnallt sind, haben den gleichen Schlosscode. Bei der Übernahme des Bootes bekommen wir drei Wasserkarten überreicht. Sie sind aus speziellem, wasserfestem Papier. Die Karten fühlen sich gut an. Unser Boot heißt Haastrecht. Dieses Städtchen liegt in der Nähe von Gouda, das wir nicht anvisieren.

5
Am Wasser sein. Im Gespräch sein. Zusammensuchen und -finden. Auf kleinem Raum leben und vollen Luxus genießen. Hier verliere ich meine Mitte. Ich bin gar nicht so wichtig und kann leicht werden. Konzentration ist nicht das Hauptwort. Am Wasser sein und mich treiben lassen, das schon. Am Wasser ist es üblich, sich zu grüßen.

6
Jumbo. Ein Erlebniseinkauf. Mit einem Mal ist Holland billiger als Österreich. Wir kaufen auch Fleisch. Die Wurst und der Leberaufstrich schmecken nach Zimt. Die Salate legen wir fertig gewaschen, geschnitten oder gehobelt im Plastiksack abgepackt in den Einkaufswagen.

7
Die ersten Vögel, die mir besonders auffallen sind die Haubentaucher.
Ein niederländischer Freund meint, dass es in seiner Heimat sehr viele Vögel gibt, wenn man sich mit Vögeln auskennt. Unser erster Fluss, den wir befahren, heißt Vecht. Die Brücken sind mitunter 1,60 Meter hoch. Die muss dann ein williger Brückenwächter aufklappen. Nach den ersten beiden Manövern hat noch niemand der Crew Lust auf einen Manövertrunk. Die Kirchenglocken läuten um 10 Uhr. Jetzt schaue ich den Wildgänsen zu.Sonntags sind auf den Booten viele Paare unterwegs. Manche auch ohne Hund. Ich frage mich in den kurzen Momenten des Aneinandervorbeifahrens, in welchen Beziehungen sie zueinanderstehen. Noch intensiver sind meine Blicke auf die tiny houses an den Ufern gerichtet. Hier gibt es Vielfalt. Man winkt sich kurz zu, sieht Bootsausstattung, Badekleidung und Kaffeegeschirr. Was nicht gezeigt wird, liegt unter Deck.

 8
Wir gehen durchs Städtchen Weesp. Ein Willkommensgruß durch Glockenspiel. Es kommt uns immer ein Rad entgegen. Das Land funktioniert sehr gut. Wenn das so weitergeht, muss ich sehr genau schauen, dass mir nicht langweilig wird. „Hier kann man nicht verloren gehen“, wird uns am letzten Tag unserer Reise ein schiffsbrüchiger Deutscher aus seinem Rettungsboot zurufen. Ein älteres Paar schlendert an uns vorbei. Ganz deutlich zu erkennen ist ein goldener Hundeanhänger, den die Frau an einem Kettchen um den Hals trägt.
In der St. Laurentiuskirche ist eine Brauerei untergebracht. Am frithof vor der Kirche bekommen wir Essen und Trinken serviert. Um 495 Euro könnten zwei von uns für eine Nacht im Kirchturmzimmer übernachten.

9
Wir reden über Angst. War sie in den 80erJahren kleiner? Wir erahnen, was uns hält. Wie klein können wir unsere Abhängigkeiten machen im Verhältnis zu dem, wie groß wir lieben? Wir reden nicht über Yoga. „Du brauchst keinen Arzt, sondern jemanden, der Dir hilft!“

 10
anderswild, in welchem Zusammenhang kann ich dieses Wort denn verwenden?!

 11
Wir schlafen in einem Hafen in Weesp, nahe den zwei Windmühlen, angeleint an eine Luxemburger Familie. Wenn wir an Land gehen, müssen wir über das Deck der Nachbarschaft spazieren. Zurück auch wieder. Die akustische Kulisse am Boot, wenn es Abend wird: Kinder spielen Volleyball. Vogelrufe. Wassergeplätscher. Ein paar Motorengeräusche. Ruhiges Stimmengewirr. Auf einem der Boote legen sich zwei Kinder an Deck schlafen. Sie haben die Matratzen nach oben getragen. Eine Frau, die wohl deren Mutter ist, bringt die weißen Laken zum Zudecken. Das Boot ist meine Hafenkneipe.

12
Ein blinder Mann will von der versperrten Marina hinaus auf die Straße. Er findet ganz ohne Hilfe den Knopf, damit sich das große Gittertor öffnet.

13
Wir tun miteinander. Ich schau zu und bin mittendrinnen im Tun. Ich beobachte mich dabei, wie ich meine Distanz zu all dem in der räumlichen Dimension dieses Bootes halte.
Leben die Spinnen, die sich am späten Nachmittag an Deck begeben die andere Zeit im Unterbauch des Bootes? Sie haben hier ihren Hauptwohnsitz.
Die Kids kaufen zwei Joints, um den Eltern eine Freude zu bereiten. Einmal up und einmal down. Um im Rijksmuseum aufzugehen, dazu fehlt uns die volle Aufmerksamkeit. Mich faszinieren die Gemälde, auf denen Segelschiffe zu sehen sind.
Amsterdam ist groß und laut. Und doch ist die Nacht in Amsterdam meine Lieblingsnacht auf dieser Reise.

14
Wir fahren am Museumsdorf Zaans Schans vorbei. Die Windmühlen sind die ersten, die sich auf unserer Reise drehen. Abgesehen von den vielen Windrädern, die wir bei unserer Flugzeuglandung beobachtet haben.
Wir befinden uns auf einem Kanal der Gerüche: Schokolade, Fermentation, Kakao, Müll. Auch riecht es nach Diesel und einmal nach Stall. Oder habe ich das geträumt, weil der Vater (= ein holländischer Bauer aus meiner Reiselektüre, der seinen Sohn beim Eislaufen verlor) immer nach Stall riecht, sogar nach dem Duschen.

15
AMALIABRUG lese ich vom Kajütenfenster aus. Schilf und Wasser. Die Weiden schimmern silbern. Die Eschen, die im ganzen Land wachsen, tragen orange Früchte. Die Nebelwolken tragen grau.Ich weiß nicht, worauf ich mich konzentrieren soll. Der Mangel ist es nicht. Die Fülle ist es nicht.

16
Rücksichtsvoll zu sein ist auf jeden Fall einfacher, als es nicht zu sein.

17
Wir nehmen den Bus, um an die Nordsee zu gelangen. Wellen wie Wasserfälle. Salz. Kraft. Ferialpraktikanten, die versuchen, verwehten Sand wie Schnee von der Aussichtsterrasse wegzuschaufeln. Wieder und wieder eine Scheibtruhe voll. Zwischendurch gibt‘s als Belohnung für getane Sisyphusarbeit einen Mojito.

18
In der Früh werden alle Boutiquen in Alkmaar gesaugt und geputzt.Der Fluss, der in eine langen Kanal gesperrt ist, heißt Vinehop.
Jeder längere Gedanke wird von einem Ausblick abgelenkt. Obwohl alles flach ist, ist jeder Augenblick anders. Ich komme nicht zum Denken. Den Schwalben fehlt es hier an nichts. Mittlerweile kann ich die wichtigsten Wasservögel schon am Gekreische erkennen. Von Singen ist in diesem Zusammenhang nie die Rede!

19
Ich habe das (fast) nie gefühlt, die weltumspannende Kraft einer Glaubens- oder Interessensgemeinschaft.  Es wäre ein schönes Gefühl gewesen sich überall auf der Welt willkommen zu fühlen. Dieser Gedanke kommt mir beim Anblick eines schlank geschnittenen Bootes mit dem Namen Pastorale. Auf einem anderen Hausboot lese ich: Ora et labora. Und sooner or later. Ich zähle auf die weltumspannende Kraft der Menschlichkeit. Aber auch da bin ich arm dran. Schließlich lese ich auf einem weiteren Boot: why not?

20
In den Niederlanden muss man als LandbewohnerIn stets die Wartezeiten an den vielen Brücken miteinberechnen. In PURMERENG warten auch wir am Wasser sehr ausgiebig auf die Brücken- und Schleusenwärterin.

21
Wir machen Halt bei einem Milchbauern, der gemeinsam mit seiner Frau einen kleinen Ausschank betreibt Hier riecht es nach Bauernhof, so wie ich es in Erinnerung habe. Wir essen Joghurteis und kaufen 7 Laib Käse. Ich genieße das. Und mache auf dem Weg zum WC ein Foto von einem Ölgemälde, das eine Kuh zeigt. Allzu lange wird es Milchbauern ja gar nicht mehr geben.

22
Ich schwimme eine letzte Runde in der Dämmerung.

23
Am Flughafen lese ich „Philosophers, do your thing“, aufgedruckt auf ein großes Transparent. Nachdem sich dieser Satz als Werbung für eine Bank erweist, gefällt er mir gleich nicht mehr.
Im Flugzeug ist es ruhig. Wir sind ruhig. Noch einmal eine andere Perspektive. Holland von oben. Hier ist am deutlichsten zu sehen, wie zerfurcht von Kanälen, Wasserstraßen und Seen dieses Land ist.

 

 

 

 

Tränenfläschchen

2000
Porzellan, angeregt durch einen Text von Bodo Hell

Laurentius
Sternschnuppen und Wünsche
_ Sternschnuppen sind Meteore mit Massen unter 10 g
und gut sichtbarer, wenn auch ephemerer Helligkeit,
Boliden oder Feuerkugeln dagegen haben Massen bis 1
kg und darüber, sie leuchten ausdauernder und
mitunter so hell wie der Mond

          (1) wie sollte ich mir nicht wünschen, daß meinen fernen
          Lieben nichts Schlimmes zustoßen möge, sondern nur
          Gutes wiederfahren, ach könnte sich doch in dieser und
          jener Person die geistige Verwirrung lösen, die seelische
          Gefährdung schwinden, die sie nicht zu sich kommen
          läßt, oder dürfen wir auch bei uns selbst solche
           irritierenden Symptome gar als erste Anzeichen eines
          Heilungsprozesses lesen

_ unter Schnuppen verstand man ursprünglich
aufleuchtende Partikel (etwas, das brennend wegstiebt)
beim Putzen eines Talg- oder Wachslichts, dessen
unbrauchbares verkohltes DochtEnde auch Schnuppe
hieß, wovon wieder der Ausdruck stammt: das ist mir
schnuppe

          (2) das wäre schön: wenn jedes Intervall, welches ich
          höre, selbst spiele oder mir vorsinge, direkt in meinen
          Körper einginge und dort in seiner je spezifischen Weise
           Wirkung zeigte/zeitigte, ich möchte spüren, was etwa
           die Sekund bewirken kann und was eine Septime tut

           aus: Nothelfer, Bodo Hell, Literaturverlag Drosch Graz, 2008