Almhaus

1

Jetzt habe ich das richtige Wort für meine Bleibe gefunden: Es ist ein Almhaus. Ein Eichelhäher fliegt vorbei. Der Vermieter des Almhauses mag es nicht, wenn hier Schwalben einziehen; sie machen doch sehr viel Mist auf dem Balkon. Er hat die alten Schwalbennester entfernt. Man sieht noch Spuren davon an den Dachbalken.

2
Beim Wandern rieche ich Weihrauch. Die Bäume, das Harz der Lärchen und die Rinde der Zirben duften in der Wärme der Sonne wie ein Weihrauchgefäß.
Im Almgasthaus schnappe ich den Satz auf: „Ich arbeite jetzt an einem schönen Dekolleté.“ Das ruft Erinnerungen hervor. In meiner Jugend war es geradezu verpönt, zu wenig Stoff im Ausschnitt zu haben. Fast unausgesprochen war klar, dass nur leichte Mädchen einen Spalt zeigen. Ich bestelle einen Schnaps und bin froh, dass sich die Zeiten ändern.

3

Fluss. Gemeinsame Lebendigkeit. Ich tauche ins Astner Moos ein. Der Bach fließt durch mich hindurch. Er ist mein Bruder.

4

Alles ist in Ordnung. Und jetzt zeige ich es ihnen!

5

Nach einer Viertelstunde Gespräch mit der Nachbarin habe ich das Gefühl, intensiv gearbeitet zu haben. Zusehends schwindet mir die Kraft für soziale Kontakte. Ich steige erst dann aus dem Auto aus, wenn ich mir sicher bin, auf dem Weg vom Parkplatz zur Wohnung niemandem zu begegnen.
Dabei liebe ich die Menschen, das Miteinander. Mein Supervisor sagt, ihm gehe es auch so. Dagegen müsse man sich nicht groß wehren. Vielleicht werde das mit der Zeit auch wieder anders, meint er. Ich betrachte alles mit ambivalenten Gefühlen. Gott sei Dank sind die Bäume in der Hollitschn auch meine Nachbarn, ein Teil meiner Familie.

6

„Er sah den Berg nur für Sekunden, den Rest seines Lebens hielt er das Bild gegen den Lärm der Zeit. Vielleicht ist das der eigentliche Triumph: dem Erhabenen nahe zu sein, ohne es zu besitzen.“ (Über Fritz Kolb, den Vater von Helga Kromp-Kolb.)

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