Grado

1

Was ist das nur für ein Zeichen, dass ich im September kaum zum Schreiben gekommen bin? Und gleichzeitig fühle ich mich sehr müde, und zugleich ist zu viel los. Ich finde kein rechtes Maß. Die Weinlese, die Arbeit, das neue Kunstprojekt, der Garten und die Fülle an Früchten und Menschen.

2

Die Übernachtung im Hotel Südrast hat dann doch ihren eigenen Charme. Das Personal ist auffallend freundlich, und das überteuerte Essen schmeckt gut. Beim Frühstück gibt es Eierspeise. Und einen Hotspot vom Kellner. Ich höre kaum ein österreichisches Wort; die meisten Angestellten haben eine andere Muttersprache: Slowenisch, Slowakisch, Ungarisch, Italienisch und für mich nicht Erkennbares. „Außerhalb der Saison“ suchen viele Menschen hier Quartier.

3

Heute fahren wir durch das Kanaltal Richtung Grado. Noch begleitet uns die Fella. Und bald fließt sie in den Tagliamento. Mein Arbeitskollege verbringt seine Herbstferien zeitgleich in Valdobbiadene, die Tochter besucht Rom, und wir trudeln bald in Aquileia zu einem ersten italienischen Mittagessen ein.
Wir fahren gerne nach Aquileia, weil der Name so verheißungsvoll klingt.

4

Wir werden älter. Mittlerweile liebe ich es, am Meer zu sitzen.

5

Heute wäre der 56. Hochzeitstag meiner Eltern.
Ich fühle eine satte Zuneigung zu ihm. Die Grundlage dafür ist nicht ein großes Verstehen, sondern unsere gemeinsame Vergangenheit und das viele gemeinsam Erlebte. Das haben wir so eingerichtet. Ich versuche, ihn regelmäßig aus der Reserve zu locken. Er versucht, mir regelmäßig zu entschwinden, um Nähe zu spüren. Wir beide sind müde von den vergangenen sechs Wochen, von der Arbeit, von der Lese, von unserem gemeinsamen Leben. Iris Radisch sagt über Ingeborg Bachmann:
„… doch träumte sie von einem utopischen Land jenseits der Zeit, in dem Männer die Frau in ihrem Inneren und Frauen den Mann in ihrem Inneren zu Wort kommen lassen. Ihre Untröstbarkeit hilft uns darüber hinweg, dass dieses Land noch immer auf keiner Landkarte zu finden ist.“
Bachmanns Grab befindet sich auf dem Friedhof Annabichl, Abteilung XXV. Ein Grund, in Klagenfurt Halt zu machen.

6

In der Früh gehen wir schwimmen, also ich gehe ins Meer, und mein Mann schaut aufs Meer. Das Wasser ist sehr warm, wärmer als die Luft. Ich mache ungewöhnliche Dinge, denen ich nicht auskomme. Ich nehme von der Strandpromenade einen frauenloser Regenschirm mit. Er lehnt an einem Müllkübel. Er ist durchsichtig und hat ein kleines Loch. So einen Schirm wollte ich immer schon haben! Am Meeresufer nahe unserem Quartier liegt eine nass verdreckte Wolljacke auf den feuchten Steinen. Nachdem wir schon dreimal daran vorbeigegangen sind, nehme ich sie mit und wasche sie gründlich im Waschbecken unseres Quartiers. Sie ist noch tragbar. Beim Schwimmen lasse ich unabsichtlich meine Unterhose am Strand liegen. Vielleicht nimmt auch sie jemand mit.

7

Das hier ist ein gutes Eck, das Café Ai Patriarchi, mein Lieblingslokal. Der Wirt trägt – so, wie es sich für Italien gehört – richtig gute Brillen. Der linke Rahmen hat eine andere Farbe als der rechte. Natürlich ist die ganze Fassung sehr auffällig, nicht nur die Farbgebung.
Einige verlorene Männer sitzen am ersten Tisch ganz vorne am Weg und schweigen trinkend vor sich hin. Ein paar Passanten schlendern auf der unbefahrenen Straße. Ein paar Möwen fliegen über uns hinweg. Drei große Olivenbäume spenden Schatten.

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