Theologie des Alltags

1
Ich komme mir klein und unbeholfen vor. Ich darf in einem abgesonderten Winkel die Verrückte spielen. So ist das mit Theologinnen dieser Tage. Wir haben uns zum Narren gemacht und werden dementsprechend behandelt. Weil die Zeiten relativ gut sind, werden wir in Ruhe gelassen. Wir bekommen noch ein Gnadenbrot, weil aus unserer Ecke nichts zu befürchten, allerdings auch nichts zu erwarten ist. So lange, bis ganz auf uns verzichtet wird. Ich führe das Arbeitsleben einer Eintagsfliege.
2
Mit großem Aufwand versuche ich immer wieder, mein Leben in Kunst aufzulösen. Mir Zeit zu geben. Mich dafür zurückzuziehen. Mich um Material zu kümmern. Die Inspiration anzuflehen.
Meiner tiefsten Intuition zu trauen. Sie verunsichert mich am meisten, führt mich aber auch am sichersten den Weg entlang.
3
Ein auf Verbundenheit bezogenes Alleinsein. Daraus schöpfe ich Seelenfrieden
4
Mit einer klaffenden seelischen Verletzung auf einen Zeitgeist treffen. Was passiert dann?
5
Motivationsspinnerin!
6
Mit meiner Firmpatin telefoniere ich alle drei Jahre einmal. Dann gibt es viel zu erzählen. Wir wollen einander ein paar gute Gedanken mitteilen, das weiß ich.
Kinder, Enkelkinder, Kirche, die Graue-Star-OP, Hassgefühle, Alltagstrott und Bieradventkalender.
Sie möchte mir gerne einen Altsteirerhahn schenken. Sie hat fünf zu vergeben und ich leider keinen Hühnerstall mehr. Jeden Tag kocht sie zu Mittag. Pünktlich um 12 Uhr ist das Essen fertig. Sie geht nur mehr in die Wochentagsmesse. Da gibt es keinen Schnickschnack.
Fehlen dir die Berge nicht?
Wann gehst du wieder auf die Alm? Aber da ist ja ein komplizierter Nachbar in die Nachbarhütte eingemietet … Bist du deshalb so selten da? Wo es doch hier so schön ist!
Sie klingt leicht verbittert. Wenn man nicht aus dem Tal wegkommt, kann das leicht passieren. Und dann schaut sie sich in den Spiegel und versichert sich selbst, dass alles gut ist im Tal und auf dem Berg. Weil das Glücksgefühl, barfuß über den Almboden zu laufen, für ein sinnvolles Leben reicht. Das hat sie zwar schon lange nicht mehr gemacht, aber sie erinnert sich daran, und das ist Glück genug.
7
Heute nehme ich die ersten Feigen vom Baum. Mittlerweile hängen sie so hoch, dass ich einen Früchtepflücker verwende. Immer wenn ich ihn in die Hand nehme, denke ich an den Klingelbeutel, den man (früher?) in der Kirche zum Einsammeln des Opfergeldes verwendet hat.
8
Meine Schwester findet in einem Buch von mir, das ich ihr vor Jahrzehnten zum Lesen gab, folgenden Tagebucheintrag auf der ersten, unbedruckten Seite:
27. September 87:
Mir ist klar, dass das Erreichen einer Traumgesellschaft ausschließlich ideologischen Charakter hat und deshalb (fast) unerreichbar erscheint. Trotzdem darf ich träumen und Wünsche in Richtung eines stärkeren Miteinanders hegen und äußern, vor allem dann, wenn ich es zuerst von mir selbst verlange. Und auch deshalb, weil ich sehr wohl in unserer Gemeinde Menschen sehe, die viele Schritte tun, um das Ziel einer liebenswerten Gemeinschaftlichkeit zu erreichen.
9
Sie geht mir jetzt schon auf die Nerven, die ewige Selbstreflexion; das geht ja schon so, seit ich auf der Welt bin!
10
Simone Weil: Liebe ist nicht Trost, sie ist Licht.