KategorieRingsum Nacht

Trauer

1
Ein gebrochenes Herz sieht anders.

2
Der Begriff „Trauerarbeit“ impliziert, dass es mit den richtigen Werkzeugen ein Leichtes ist, Trauer abzuhandeln und bei Seite zulegen. Man sollte sich nicht täuschen lassen.

3
Die Künstlerin Evgenia Tsanana betreibt ein „Büro öffentlicher Entlastung“. Hier kann man ihr schlechte Träume erzählen oder „Grüße nach drüben“ schicken. Sie sitzt dabei an einem Holztisch unter freiem Himmel und ritzt auf Wunsch der Besucher*innen die Namen ihrer Toten in Holzstäbe. Die Angehörigen können dazu einen Gruß an die Verstorbenen formulieren oder einen Wunsch für sie verfassen. Hinterher verbrennt Tsanana die Stäbe und lädt ein, gemeinsam eine Totenspeise zu essen.

4
Wann wird das Begräbnis sein, damit ich eine Kerze anzünden kann?

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Manchmal möchte ich, wenn ich aus dem Krankenhaus rausgehe, nur mehr unversehrte Körper sehen.

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Ereignisarmut passt nicht zu Erlebnishunger. Ereignisarmut lebt von Nähe. Erst dann entfaltet das Nichtssagende seine Kraft.

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Es gibt nichts Erregenderes, als beim Verlassen eines Landes mit dem Schiff, von einer wohligen Trauer durchrieselt zu werden, die alles umfasst, das ganze Leben, das ganze Sein, die Welt, und zu fühlen, wie viel mir fehlt, ohne sagen zu können, worin es besteht.

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Trauer braucht Schonung; man spürt sie erst, wenn sie weg ist.

Leidenschaft


1
Lange Gespräche mit wenigen Patient*innen und danach müde sein. Das liebe ich.

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Cohen: Da ist ein Riss, durch den ein Licht fällt.

3
„Aneignung“ ist ein kapitalistisches Wort. Kulturelle Aneignung, das ist ja gar nicht möglich, wenn man Kultur zu verstehen versucht.

4
Ideologiefreiheit. Soweit möchte ich kommen.

5
Meine Freundin, die gar nicht weiß, dass sie meine Freundin ist, hat 3600mal das Wort Nein auf weiße Blätter Papier geschrieben. Mit der Hand. Depressionsprophylaxe, meint sie.

6
Meine Mutter meint, vielleicht sollte man Kinder nicht zu lange stillen, sie neigen laut ihrer Erfahrung zur Verweichlichung. Milupa sei besser als sein Ruf. Die durchaus widerlegbaren Thesen meiner Mutter liebe ich. Sie versucht mit großem Erfolg die Welt zu verstehen und den Laden zu schupfen.

Widerspruch


1
Ein widersprüchlicher Mensch zu sein, das kann eine große Stärke sein. Sie ist verbunden mit dem Recht, auch eine andere zu werden. Ein widersprüchlicher Mensch zu sein bedeutet, ein durstiger Mensch zu sein, hungern nach dem, was über die eigenen Grenzen hinaus geschieht. Widersprüchlichkeit meint dann eine mystische Gleichzeitigkeit von traurig und glücklich, bitter und süß, verbindend und zerstörerisch und sie überrascht mit gegensätzlichen Meinungen, Eigenschaften, Ideen.

2
Die Gefahr, dass mein Denken und Fühlen auseinanderbrechen, ist bei mir nicht sehr groß. Bis jetzt.

3
Zweifel ist eine geöffnete Tür.

4
Burnout geht gut. Alkoholismus geht nicht.

5
Zu denken, dass alles gut wird, wenn wir von Ort zu Ort reisen, ist Unsinn. Gleichzeitig reisen wir von Ort zu Ort.

Wehen


1
Der Verstand kehrt zurück, doch du setzt ihn nicht ein. DIE FANTASTISCHEN VIER.

2
Im Radio höre ich jemanden sagen, dass es wenige Lebensmodelle gibt, die sich nicht am Kapitalismus, sondern an der Einfachheit orientieren, ohne sich dabei arm vorzukommen. Ich halte mich an Sternenfotos. Sterne und Poesie. Das James-Webb-Weltraumteleskop. Das Sternenlicht, das wir dadurch sehen, ist viel älter als alles Leben auf der Erde.

3
Meine Schwester macht sich hauptsächlich Gedanken zu ihren Kindern. Was sonst noch da ist, das müssen wir ein nächstes Mal besprechen.

4
Mein Sohn überlegt, die schmerzenden Stellen auf seinem Körper mithilfe einer schwarzen Tätowierung zu kennzeichnen.

5
Ich halte mich daran zu wissen, dass wir nichts in der Hand haben und ich das schon lange weiß. Ich halte mich daran, dass ich spüre, wenn etwas Sinn für mich macht. Ich halte mich daran, dass ich als Kind gelernt habe, mich an etwas zu halten. Solidarität ist nicht neu für mich.

6
Neu für mich ist der Hinweis, dass eine richtige Gemeinschaft nicht aus vielen Menschen bestehen muss.
Die Weltengemeinschaft ist eine Katastrophengemeinschaft, der es manchmal gelingt, die Katastrophen abzuwenden. Aber nie im Leben wird das eine Solidargemeinschaft!

7
Meine Welt wird immer kleiner.

8
Nachwehe.

Demut


1
Man darf sich halt nicht immer alles wünschen, zum Beispiel dass man in der Nacht durchschlafen möchte.

2
Nach seiner Fußoperation will er nicht über das Gehen reden, sondern über die Demut.

3
Sie arbeitet schon seit 43 Jahren im Krankenhaus. Hier hat sie ihren Lehrberuf erlernt und hier wird sie in Pension gehen.

4
Ein junger Mensch weiß nicht, wie es ist, alt zu sein. Ein alter hingegen schon, wie es ist, jung zu sein.

5
Wenn man etwas realisiert, beginnt schon der Kompromiss. In Tagträumen kann man sich die Welt noch so ausmalen, wie man sie haben möchte.

 

Gebärmutter

1
Die Frau hat ein Kind mit einem Trinker. Mittlerweile ist dieses Kind eine Jugendliche. Sie wollte es nicht und hat deshalb ein schlechtes Gewissen, weil sie meint, die seelischen Probleme der Tochter lägen in dieser vorgeburtlichen Ablehnung begründet. Wer ihr das wohl einredet? Mit 30 hat die Frau zu Gott gefunden. Vorher dürfte sie ein normales Leben gelebt haben. Sie sieht wunderschön aus – eine natürliche Schönheit mit einem üppig-warmen Körperbau.

2
Der Mann ist im Krieg. Der Sohn steht knapp davor, im Krieg mitzukämpfen. Die Frau lebt mit den zwei volksschulpflichtigen Kindern seit einigen Monaten als Flüchtlingsfamilie im Weinviertel. Das allein klingt schon wie einem dystopischen Film entliehen. Jetzt verlässt sie auch ihre Gesundheit. Sie liegt im Krankenzimmer, in das die Krankenschwestern gar nicht hineinwollen, weil sie es nicht aushalten, dass so junge Frauen dieses schicksalsschwere Leben ertragen müssen. Leben müssen. Mit Sinn erfüllen müssen. – Nein, damit müssen sie es nicht erfüllen.

3
Meine Reise durch das Krankenhaus führt mich in die Gebärmutter einer Rumänin. Darm, Gebärmutter, Eierstöcke sind miteinander verwachsen, bilden eine hochexplosive Insel mitten in ihrem Körper. Sie ist vor nicht allzu langer Zeit gemeinsam mit Mann und halbwüchsigem Sohn in das halbfertige Haus eines Scheidungspaares gezogen. Das kann man sich leisten. Seit der Diagnose steht ihr Leben Kopf. Über allem stehen Schock und Ende.
Ich suche Luft zwischen den Gesprächen mit ihr, finde Windhauch …

4
Der Mensch braucht sehr viel Kraft, um das Leben zu überstehen.

5
Meine Mutter: „Mach es mit Freude, auch das, was Du machen musst.“
Ihre Mutter: „S‘ is wia’s is.“

6
Meine Mutter weiß, dass es ein spezielles Training für Frauen gibt, um ihre Sprechstimmen tiefer zu legen. Angeblich ist es so, dass man Männern aufgrund ihrer tieferen Stimmlage lieber zuhört. Ich weiß nicht …

7
Wer kann nicht nur zeigen, was ist, sondern auch, was sein könnte?

8
… vor mich hin werkeln …

Rand


1
Ich höre die Windräder laufen.

2
Ästhetische Erfahrungen sind nicht unbedingt in direktem Zusammenhang mit Literatur, Kunst und schönen Dingen, sondern Wahrnehmungen, die uns im Alltag anfassen und überwältigen. Das Flüchtige, Ungeduldige, das Erstaunen, Ergriffensein. Kraft.

„Kraft ist eine Erfahrung, die ich machen kann, ohne etwas zu können“
Christoph Menke

Fotos sind präzise und wahr. Manchmal sind allerdings Lügen besser. Deshalb sollte ich schreiben.

3
Auch die Lauten haben einen Platz und die Esoteriker und die Alles-Zerredner und die Grüblerinnen und jene, die in der Nase bohren.

4
Ich zweifle derart an meinen künstlerischen Fähigkeiten, dass es weh tut.

5
Ich werde älter.

6
Meiner Psyche bin ich oft schutzlos ausgeliefert. Um damit fertig zu werden gibt es die Liebe.

Bank

1
In Simbabwe gibt es das Konzept der friendship – bench, einer Parkbank, auf der psychologisch geschulte Bürger sitzen und sich mit Menschen unterhalten, die gefährdet sind, an einer Depression zu erkranken.

2
…zwei Wochen lang durchgehend auf einer Bank vor dem Haus sitzen. Nur aufstehen, um sich im Bett schlafen zu legen…

3
Für alles, was ich erlebe, brauche ich mittlerweile sehr viel Zeit, es zu verarbeiten. 

4
Der Mensch ist dabei, sich selber möglichst schnell an die Wand zu fahren. Wir sind nicht so weit, selbst zu entscheiden, was uns guttut.

5
In der Zeitung lese ich: Die Kinder und Jugendlichen sind Verlierer der Krisen. Niemand kümmert sich. Die Alten sind am Rande der Gesellschaft. Sie werden missachtet. Alle anderen sind erschöpft.

Wir alle sitzen in einem Boot und schauen in die Sterne.
Weite und Unbedeutsamkeit schenken pure Freiheit.

Scheitern


1
Sie geht in Pension. Diese Veränderung stürzt sie in eine bisher unbekannte Leere. Der geliebte Arbeitsplatz bricht weg. Alles bricht weg.
Die sinnliche Freude mit dem Liebhaber hat keine Kraft mehr. In ihrem Garten sieht sie nur den Schatten, der das Wachstum der Pflanzen einschränkt. Es macht keinen Sinn für sie, am Morgen das Bett zu verlassen.

2
Regelmäßig nehme ich Fühlung mit dem auf, „auf das es ankommt“. Gedanken, die mir die offene Straße, die offene Welt eingeben. Ich reise zu Fuß. Das ist allerdings keine Garantie dafür, mich zu schützen vor dem Absturz in den mühsamen Alltag, ins Grau, ins Scheitern.

3
Ich sehe seine Schwächen…. Ich suche seine Stärken.

4
Ich fordere Schmerzensgeld von der Kirche.

5
Ich hasse Rätsel.

Gut und Böse


1
Fuckingdorf. Dort treffen wir einander.

2
Ist es zu spät für mich, aus der Schmollecke herauszutreten und nach der Macht zu greifen? …zuerst befehle ich, dass diejenigen, die vom Geist des Geldes besessen und von der Ichsucht ergriffen sind, eine Entziehungskur machen müssen…

3
„Das größte Geschenk unserer Eltern an uns, ist deren Armut an Geld“, sagt meine Freundin Angela.

4
Ein Jedermann liegt hinter mir.
Wie krank ist das denn, jede Menge Geld für Karten, Essen und Wohnen in Salzburg hinzulegen und mir genau dieses Stück anzuschauen!
Der Bachchoral gefällt mir am besten. Die schauspielerische Leistung ist solide. Das Bühnenbild auch. Großes, langweiliges Theater. Berührt hat mich nur die lange Stille nach dem Auftritt der beiden Vettern.

5
Die Verletzungen, die man sich innerhalb der Familien zufügt, die sind allerorts  gravierend. Wir sitzen am Familientisch und erzählen einander. Mein Cousin mit seiner irren Schwester. Meine Schwester mit ihren Schwiegertöchtern. Wir mit unseren Ehepartnern. Alles bitterschwere Arbeit.

6
Ich setze mich mit meiner Steinschleuder in den Weingarten und verschrecke Stare.

7
Meine Nachbarn sind wunderbar. Sie füttern meine Katze, weil ich das nicht richtig kann. Sie nehmen meine Hühner mit ins Bett, weil diese durch innige Zuneigung mehr Eier legen. Sie beschwören meinen ungepflegten Vorgarten mit Rauchstäbchenritualen, sich doch etwas geordneter zu entwickeln. Sie fangen jeden meiner Gäste vor meiner Haustür ab, um sie vor meiner Griesgrämigkeit zu warnen und ihnen ein Schutzschild in die Hand zu drücken.  Und sie würden es sicher riechen, wenn ich tagelang tot in meinem Bett herumliege um mich dann zu bergen und mit Engelsgesang in den Himmel zu begleiten.

8
Ich werde im Krankenhaus ab nun Freiheitsbeschränkung dokumentieren.

9
Reguliert euch doch selbst!