KategorieEinsinken ins Land

Antlitz

1 Ich übe mich darin, in Augen zu lesen, die einzige Gesichtsoffenbarung, die mir zur Verfügung steht, während wir einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Wage ich die Grenzüberschreitung eines tiefen Blickes und lege gleichzeitig mehr als üblich hinein in mein Schauen, lerne ich das Wort Augenblinzeln neu kennen.

2 Strahlen sie nicht so, sonst werden sie noch verhaftet!

3 Es ist ein großes Vergnügen, in deinen Gesichtszügen zu lesen: Mal blitzt Neugierde, mal tiefe Dankbarkeit in deinem Blick auf, rücksichtslose Ehrlichkeit und sanfte Zuneigung. Mit diesem Lächeln zuinnerst im Augenwinkel gibst du dem nächsten Moment diese innige Prägung. Ziehst du die Augenbrauen hoch, legst du die Stirn in Falten und reckst das Kinn nach vor, im Profil eine kecke Ansage bis hin zur Nasenspitze. Die trotzigen Mundwinkel, wenn du dir eine zynische Bemerkung verkneifst oder versucht bist, einen unverschämten Wunsch zu äußern. Das ganze Gesicht unüberschaubare Landschaft, jede Ecke im Prozess, in steter Bewegung und in der Lage, sich von einer Sekunde auf die andere zu wandeln: das offene Buch und das undurchdringliche Pokerface. „Schau mich an, mit einem Blick, auf das, was ist und mit einem Blick auf das, was sein könnte!“

 4 Nichts ist so still wie ein Mensch, der aufgehört hat zu atmen. Die tote Frau liegt vor mir, sorgsam gebettet in weiße Laken und Pölster.  Sie anschauen zu dürfen in ihrer vollkommenen Hingabe, lässt meine Verneigung tief ausfallen;
ihr ins Antlitz zu sehen bedeutet, die Zusammenfassung eines ganzen Lebens zu würdigen. Eine leichte Brise bewegt die Vorhänge am offenen Fenster.

Veränderung


1  Ein leeres weißes Blatt Papier liegt auf dem Küchentisch. Das aufdringliche Wort als Überschrift, jene Einladung, das Vertraute zu verlassen. Die Ausrichtung von Tun und Lassen am Tageslicht gibt einen Rhythmus vor, der gegen den Strich bürstet. So verrückt ist meine Welt, dass ich am Ende meine Verbundenheit zu Menschen aufs Spiel setze, weil ich im dunklen Winter gar nicht mehr aus meiner Höhle krieche.
Was kostet es, den Richtungspfeil auf dem Kompass um einen Grad zu ändern?
Ich stelle dieser Fernreise eine Mohnblüte als Navigatorin zur Seite
und im Herbst die aufrechte Zinnie.

2 Per WhatsApp erreicht mich eine Textnachricht von Maria: „…mich nur nicht mehr verletzen lassen! Mir dabei zu helfen, darum bitte ich meinen Vater an seinem Grab stehend und zünde eine Kerze an!“

3 Das Bedürfnis nach Veränderung, das ein Gedicht wecken kann…
Sohrab Sepehri ruft mir zu: „Ja, solange es den Klatschmohn gibt, solange müssen wir leben!“
Ich betrachte den schwarzen Mittelpunkt dieser seidigen Blume, fixiere ihn, starre ihn an. Alles beginnt sich im Kreis zu drehen. Ist der dunkle Schmerz groß genug, wirft er mich aus der Bahn, ist der Bann gebrochen.

Wild

1 Mein Großvater hat beim abendlichen Tischgebet immer den Vorbeter gemacht. Waren die üblichen Vaterunser und die abschließende „Bitte für die armen Seelen“  vollendet, fügte er stets noch die „Bitte um einen guten Hausverstand“ an. Er tat es zum Wohle aller und im Wissen, dass es sich bei dieser besagten Gabe um keine Selbstverständlichkeit handelt. Meine Mutter erzählt mir diese verschollene Erinnerung erst Jahrzehnte später, jetzt, in Zeiten der Hochkonjunktur aufkeimender Verschwörungstheorien.

2 Indem ich Genuss empfinde, wenn ich einen Girlitz (sehr kurz) oder eine Wilde Karde (lang) betrachte, offenbart sich eine uralte Zusammengehörigkeit. Es zeigt sich, dass eine ursprüngliche Kraft überspringt, von Lebewesen zu Lebewesen: Ich bin also am Leben! Ich bin ein Nachtfalter und ein Rabe und ein Regenwurm und ich bin alle Pflanzen, die ich mir nur vorstellen kann. Ich mache mir heute die Spielregel eines Sperbers zu eigen und morgen jene eines Apfelbaums. Ich flüchte in den Wald, auf den Berg, in den Fluss. Hier kann mich nichts erschüttern. Weil ich unendlich schön und wild bin!