Muttertag auf Ischia


Die Tochter fragt:

Und was machen wir am Muttertag, wenn die Mutti nicht da ist?

Ischia Porto

Ich bin auf einer kleinen Insel gelandet, und ich merke es an allen Ecken und Enden. Der Papst ist in meiner Nähe und feiert mit einer Million Menschen auf dem Hauptplatz von Neapel. Ich bin sehr gerne auf dieser Welt, weil sie so schön ist. Besonders jetzt und hier.

Neapel im Blick zu haben, gibt mir ein Gefühl von Dankbarkeit. Neapel klingt nach Wildheit, Unberechenbarkeit, natürlich auch nach Ungerechtigkeit, Armut und Mafia – nach ursprünglicher Kraft und Rohheit und improvisatorischer Fantasie. Es klingt nach großer Geschichte und großartigen kulturellen und künstlerischen Leistungen.

Mein Arsch sitzt also auf einer Insel, die wohl fast ausschließlich vom Tourismus lebt – und das gut. Mein Körper kennt sich noch nicht so richtig aus. Er tut nach monatelangen Wehwehchen so, als ob alles in Ordnung wäre. Mein Heiler arbeitet in bester Manier. Er hat eine Zecke aus Eibesthal mitgebracht. Am Flughafen hat sich niemand über diesen blinden Passagier aufgeregt. Mein Heiler legt zur Feier des Tages Led Zeppelin auf.

Tui hat alles organisiert – da kann man sich nicht verlaufen.

Wir frühstücken gemeinsam mit einer großen Verwandtschaft.

Die großen Fährschiffe im kleinen Hafen von Ischia Porto beeindrucken mich. Gleich nach der Ankunft öffnen sie ihre Tore, speien Fahrzeuge und Menschen aus und laden sofort wieder neue ein. Genug Touristen sind da! Doch in der Vorsaison verteilen sie sich unaufdringlich auf der Insel.

Wir finden Platz an einem im Sand versunkenen Bootsrumpf. Die Sonne ist heiß. Neben uns: ein Muttertagsausflug. Eine Nonna mit der bösen und der guten Tochter, drei Enkelkindern und einem Hund. Sie reden kaum miteinander, vieles passiert in Gesten und Blicken. Immer wieder kuschelt sich die gute Tochter an die böse, um irgendetwas zu beschwichtigen.

Diesen kurzen Moment finde ich spektakulär: wenn das Schiff für meine Augen plötzlich aus dem Hafen herausfährt, ich zunächst nur die Spitze des Rumpfes sehe und erst nach ein paar weiteren Augenblicken das ganze Schiff. Es wirkt wie ein Ungeheuer, viel zu groß für die Umgebung. Ich verbringe viel Zeit damit, darauf zu warten, dass wieder ein Schiff ausläuft. Erst wenn es dann draußen im Golf von Neapel davonfährt, stimmen die Größenverhältnisse wieder.

Meinen ursprünglichen Reisewunsch, während dieser Reise ein bisschen zu verwildern, nehme ich mittlerweile zurück – es würde mir gar nicht gefallen. Weil es meiner Haut durch Wind, Salz und Sonne so gut geht, werde ich ganz sanft. Ich bin auf Kur!

Erdbeeren essen, Wasser trinken, dahindösen. Überall Schwalben.

Im Gegensatz dazu: Eine Frau wandert jeden Tag am Ufer entlang, brusthoch im Wasser. Mit wärmenden Handschuhen an den Händen arbeitet sie sich mindestens viermal hintereinander die etwa 500 m lange Strecke entlang.

Der Blick auf Procida ist besonders am Abend herzerwärmend – ein besonderes Lichterspektakel. Wenn ein paar wenige Wolken am Himmel sind, lassen sie die Sonne immer wieder verschwinden. Immer wieder beleuchtet sie andere architektonische oder landschaftliche Elemente: einmal den vorgelagerten Felsen, einmal die Burg auf der Anhöhe, die bis vor Kurzem ein Gefängnis beherbergte, einmal die pastellfarbenen Gebäude, die in den Hügel gebaut sind.

Pompeji

ist auch in gefühlter Sichtweite, und Pompeji ist ein Marienwallfahrtsort. Am Jahrestag seiner Wahl besucht Papst Leo XIV. diese Gemeinde, um Messe zu feiern.

In der Kathedrale von Neapel wird das Blutwunder des heiligen Januarius gefeiert. Dabei verflüssigt sich das als Reliquie aufbewahrte, ansonsten feste Blut des Stadtpatrons traditionell dreimal im Jahr – oder zu besonderen Anlässen, wie einem Papstbesuch. Während des Besuchs des Papstes hat es wieder einmal funktioniert: ein sogenanntes punktgenaues Blutwunder.

Hast du die richtigen Fragen gestellt?

Am Hafen von Ischia Porto

Santa Restituta ist die Schutzpatronin der Insel. Die kreisrunde Form des Hafens von Ischia Porto ist ein Krater.

Ich sitze mit Blick auf das Maul der Autofähre und kann sehen, wie groß die Karren sind, die sie ausgespuckt hat. Die Situation hier am Hafen erinnert mich an Záhorská Ves – nicht nur die Spelunke, in der ich gerade beobachte, sondern auch der Fährbetrieb: diese wilde Mischung aus Autos, Fußgängern, Zigarrenrauch, Dieselabgasen und Wasser. Eine Mischung aus Arbeitsmodus und Urlaubsfeeling.

Ich schlafe am Abend sehr glücklich ein. In der Früh bin ich müde vom vielen Schlafen – ein schon lange vermisster Zustand. Es ist die perfekte Jahreszeit für diese Reise: warme Sonne, frisches Meer, kühle Winde, alles im richtigen Maß.

Allein – große Gedanken zu hegen, das will mir nicht gelingen. Die amerikanische Philosophin Agnes Callard sagt unter anderem, Reisen sei fürs Denken nicht gut. So sehe ich das im Moment auch: Meine größte Sorge hier ist, dass es nicht einfach ist, den „besten“ Tisch gleich zu erkennen, weil ich nicht in der Lage bin, auf Anhieb die Stärke der Sonne, die Kühle des Schattens und den interessantesten Ausblick abzuschätzen. Was für ein entzückendes Problem!

Ischia Ponte

Auf dem Heimweg von unserem Ausflug nach Ischia Ponte bekomme ich ein gehäkeltes Halsgeschmeide in türkiser Farbe geschenkt. Eine zierliche Frau bietet es neben vielen anderen Nippes auf einem kleinen Handwerksmarkt an der Straße an. Ischia Ponte wirkt einfacher in der Architektur als Ischia Porto. Das Castello Aragonese, das durch eine Steinbrücke mit dem Ort verbunden ist, strahlt Imposanz aus.

Auf einer Mole fischen zwei junge Burschen mit einfachen Angeln.
Auf einer Insel ist es nie weit zum Meer.

Forio

Es liegt immer etwas hinter uns. Heute zum Beispiel Forio. Überall frische Zitronen in den Gläsern, wenn uns Wasser oder ein Limoncello Spritz serviert werden – jene Zitronen, die nach Zitronen schmecken.
Das Tyrrhenische Meer kann wild sein, und zu Mittag kommt das Azurblau.

Ganz schräg quetscht sich bei mir der Wunsch nach einer Mindmap hinein. Der Wunsch nach einem Planungsgeschehen, nach geordneten Verhältnissen, weil die Natur um mich ausschließlich wohltuend wirkt.

Am Abend finde ich zwischen meinen Zähnen Reste von Oregano vom Insalata Caprese, den ich zum Mittagessen serviert bekomme. Oregano schmeckt getrocknet am intensivsten. Natürlich achten sie hier darauf, dass die Zutaten besonders gut sind.

In Italien Tee zu bestellen, kommt nicht gut an. Manche sagen sogar entsetzt: So etwas gibt es bei uns nicht. Am Nebentisch unterhalten sich zwei Paare darüber, wie man den Koffer am besten packt, wenn man für mehrere Wochen unterwegs ist – alles extra in Sackerln. Andere Menschen am Nebentisch sprechen darüber, welche Cremen sie sich ins Gesicht schmieren. Solche Hinweise sind schon manchmal zweckdienlich.

Die Menschen auf der Insel sind im engen Sinne nicht besonders schön. Mindestens die Hälfte sind Touristen. Viele sind gut gekleidet, das schon, aber die Körper sind, wie sie sind. Ich mag das. Außer die bearbeiteten Brüste und Lippen – die finde ich entsetzlich, es sieht nach Verstümmelung aus.

Einige Dinge sind anders reguliert, zum Beispiel im Straßenverkehr. Der Fahrstil ist draufgängerisch, und die Straßen sind viel zu schmal, um irgendwie auszuweichen. Das Gehen auf den Gehsteigen ist ähnlich: Man weicht hier einander nicht aus. Man telefoniert beim Autofahren, und die Gurtpflicht wird scheinbar kleingeschrieben.

Was bedeutet es, ein einfaches Leben zu leben?

Hier treffen wir auf Vera Rubin. Sie deutet auf den Andromedanebel hin und auf die dunkle Materie, die überall – wohin wir schauen und nicht schauen können – zu finden ist.

Die Geräuschkulisse der Insel beruhigt mich vor allem beim Einschlafen.
Ein Grundton aus Meeresrauschen, Gesprächen und Gelächter, ab und zu ein Sirenenton. Ein Feuerwerk scheint in Gang zu sein. Im Morgengrauen heller Vogelgesang, und zu jeder Tageszeit das Gegurre der Tauben und das Gekreische der Möwen. Sie versuchen, Kinderschreien und Gelächter nachzuahmen.

Mein Reisegefährte jagt Tauben. Sie ärgern ihn – besser gesagt: die Menschen, die Tauben füttern, ärgern ihn. Tauben müssen nicht gefüttert werden. Menschen füttern Tauben gegen die Einsamkeit.

Procida

Auf Procida komme ich noch einmal zurück!

Der Ausblick aufs Festland von hoch oben, der Blick auf die kleine Bucht unter der Burg, die bis vor ein paar Jahren als Gefängnis diente. Die Hauptkirche St. Michele hat geschlossen, zwei weitere sind offen – innen schauen sie sehr ähnlich aus: ein wildes Durcheinander aus Dorfkirche, Schifffahrtskirche, Barock, Majolikafliesen, Medjugorje-Statuen und elektrischen Kerzen.

Nicht außergewöhnlich für die Kirchen einer Insel sind die Schiffsvotivgaben, die hier immer wieder die Innenräume zieren. Genauso wichtig ist der Schutz der Madonna, den die Statuen in den Häfen von Procida, Ischia Porto und Casamicciola symbolisieren. Wer zur See fährt, braucht alles, was ihm zum Segen gereicht!

Zackenbarsch, St.-Petersfisch, Steinfisch. Der Hai ist ein Knorpelfisch, und die Haifischhaut ist ein biologisches Meisterwerk, das sich wie Sandpapier anfühlt. Ich habe noch nie so gute Meeresfrüchte gegessen wie auf Procida. Wahrscheinlich deshalb, weil wir schon vor dem Essen und währenddessen beobachten können, wie die Fische vom Meer hereingebracht werden – bereits vorverpackt in Styroporboxen. Gleich im Hafen kommen sie in die Fischverkaufsstelle, ins Fischlokal nebenan, auf unsere Teller: Meeresfrüchteplatte, Tagliatelle mit Schwammerln und Babytintenfischen.

Später flüchten wir vor einem kurzen Regenguss in ein Eisgeschäft. Drei Frauen und ein Hund halten Dorftratsch an der Türschwelle. Wir verstehen zwar kein Wort, reimen uns aber alles genau zusammen! Außerdem reden wir schon wie die Deutschen, haben solche Ideenvorschläge wie Fotovoltaik, Windräder und überhaupt mehr Umweltbewusstsein und ein autarkes Leben auf der Insel.

In Procidas Gassen und auf Plätzen wurde 1994 „Il Postino“ gedreht, der von Pablo Nerudas Freundschaft zu einem Postboten erzählt. Ein paar Jahre später ist Procida Kulisse für „Der talentierte Mr. Ripley“, nach einem Roman von Patricia Highsmith. In einer kleinen Trafik, in der es sonst noch vielerlei Dinge zu kaufen gibt, besorgen wir Ansichtskarten

Wir leben für eine Woche lang ein Inseldasein. Inseldasein klingt wie Inselbegabung. Die Hauswand gegenüber mischt Rosa mit Weiß-Graubraun … die rostigen Gitterstäbe des kleinen Balkons. Mario Biondi tönt aus dem Lautsprecher, wir bleiben noch für einen Song lang sitzen, bevor wir weiter um die Häuser ziehen.

Ein Hahn kräht sich den Kragen heraus, er ist schon ganz heiser, klein und bunt ist er noch dazu. Er lebt neben einem kleinen Hain mit Mischkultur: Zitronenbäume, Granatapfelplantage, Buschbohnen, Oregano und Olivenbäume. Kapuzinerkresse und Ringelblumen nicht zu vergessen.

Casamicciola

In Casamicciola steigen wir von der Fähre in den Bus um, der uns wieder nach Ischia Porto bringt. Die Buschauffeurin fährt besonders mutig und entsprechend riskant, während der Chauffeur, der uns zurückbringt, das Ganze gechillter angeht.

Meinen Magen schone ich jetzt nicht. Dreimal am Tag gibt es Kaffee, einmal einen Limoncello Spritz und mindestens einmal ein Achterl Wein. Espresso kann ja nicht generell schaden. Also in Italien sicher nicht!

La Pineta Mirtina

Wir spazieren für ein paar Stunden im großen Park in Ischia. Kaminroter Zylinderputzer, Duftgeranie, Birkenfeige, Japanische Wollmispel, Zwergjasmin, stacheliger Akanthus (also der Wahre Bärenklau), Eukalyptusbäume, Erdbeerbaum, Zedern, Zypergräser.

Dazwischen bewegt sich eine große Schüler*innengruppe, angeleitet durch Erzieherinnen und Ehrenamtliche. Das Geschehen mutet wie eine Mischung aus Schnitzeljagd und Stationentheater an. Es kommen auch vor: eine Waldfee, eine Waldmüllfrau, eine Frau Waldgnom und ein Waldgeist. Außerdem treffen wir auf einen heimlichen und einen unheimlichen Mann.

In einem kleinen Wasserbiotop tummeln und paaren sich Frösche. Sie quaken um die Wette. Wunderschöne, menschengroße Schachtelhalme bilden einen Baldachin. Das wenige Wasser, das durch den Park fließt, stammt wohl von den vulkanischen Quellen, für die diese Insel berühmt ist. Zwischendurch regnet es leicht.

An einem Felsen ist eine Gedenktafel angebracht:
„Gewidmet dem Freund dieser Stätte, Anton Dohrn, dem Meister der Forschung, lauter und fest im Denken und Thun. 1892“, ist darauf zu lesen.

Wir sind fertig, und ich bin über den Berg durch diese Insel-Kur. Zum Abschluss noch einmal schwimmen im Meer. Wind und Sand auf der Haut, es prickelt. Das Badetuch aus dem Weltladen lasse ich auf Ischia – was für ein schöner Ort, um auch etwas zurückzulassen. Mein Reisegefährte tut dasselbe mit seiner neuen Sonnenbrille.

Neapel

Das letzte Frühstück in Ischia Porto im Hotel Conte fällt kurz aus, der Abschied vom Personal herzlich. Ein kleiner Espresso, ein Zitronentörtchen. Am Hafen auch ein letzter Insel-Espresso. Auf der Fähre finden wir diesmal einen Sitzplatz im Außenbereich. Der Motor dröhnt laut, unsere Destinationen fliegen noch einmal an uns vorbei: Ischia, die Burg, Procida, und dann der Hafen von Neapel.

Das Gebäck deponieren wir am Flughafen. Alles funktioniert unkompliziert. Vor mir liegt eine Stadt mit – samt Umland – vier Millionen Einwohner*innen. Es war zu erwarten, dass sie mir gefällt. Ich neige zur Sozialromantik. Wie langweilig ist doch Wien im Vergleich!

Für Reisende ist die Camorra im Alltag kaum sichtbar. Wir meiden Scampia oder Secondigliano aufgrund unserer Zeitressourcen ohnehin. Enge Straßen, Hochhäuser, zum Großteil mit patinahaften Fassaden, oft ziegelrot, grüne Fensterläden, jede Wohnung mit einem Balkon versehen. Wir gehen zu Fuß vom Bahnhof Garibaldi Richtung Nationalmuseum.

Das Tempo der Stadt ist kaum zu fassen: groß, laut, wirr, schnell. Auch New York wirkt dagegen langweilig. Viele Menschen haben keine Wohnung und leben auf der Straße. Aufeinander Rücksicht zu nehmen – das wurde hier in diesem Grätzel Italiens nicht erfunden. Charmant sind die Italiener*innen auch nicht. Ziemlich rau hier, und vor allem die Frauen haben extrem tiefe Stimmen. Agnes Callard schreibt nüchtern darüber, wie Beziehung gelingen kann – ohne Gefühle, mit viel Verstand. Wie das alles gleichzeitig, kontrovers und verwoben ist, verstehe ich nicht. Der Vesuv ist immer und überall.

Im Museum fotografiere ich eine in Bronze gegossene Sappho. Tiefschwarz. 2000 Jahre alt. Genauso wie die zwei Athleten mit den intensiven Augen aus Alabaster.

Wir betrachten die antike Sonnenuhr im großen Saal – durch ein kleines Loch in der Decke fällt ein Sonnenstrahl herein, am Boden ist die Uhr mit den Tierkreiszeichen angelegt.

Wir staunen im „Geheimen Kabinett“ über die explizit erotischen Artefakte und Phallussymbole aus Pompeji, die den liberalen Umgang der Römer mit Sexualität unverblümt zeigen. Ob es damals, also mindestens vor dem Vulkanausbruch 79 n. Chr., schon Fußreflexzonenmassagen gab?

Aus dem Nationalmuseum nehme ich drei Ansichtskarten mit nach Hause. Genauso wie ein Kochbuch aus dem kleinen Buchladen in Ischia: So kocht Martha Ischia. Es wird mich zurück auf dem Festland begleiten. Frittata di cipolle:
500 g Zwiebel, Olivenöl, 6 Eier, Salz, 50 g Parmesankäse, Petersilie, Essig.

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