Einfachheit

1
Gegen die Einfachheit spricht die Fülle der unmittelbaren Gegenwart. Es macht unbedingt Sinn, eine Pflanze präzise zu beschreiben. Sodass sie mir – wenn ich die Augen schließe – klar erscheint, mit allen Sinnen erfassbar, sogar der Schatten, den sie wirft. Ich wähle heute als Objekt der Begierde den scharlachroten Kelchbecherling. Er fällt besonders in der vegetationsarmen Zeit auf, weil er wenig Konkurrenz für seine strahlende Farbe hat. Er säumt den Weg zu unseren Hühnern, die im Wald leben, schält sich heraus aus dem dunklen Boden. Münzgroßes Fabelwesen. Glitschiger Fleck. Jedes Mal, wenn ich vorbeigehe, irritiert mich seine Anwesenheit.

2
Für die Einfachheit verlangt meine Sehnsucht nach Schlichtheit. Die Sehnsucht nach einem klaren Ja oder Nein, Richtig oder Falsch. Nach einer tragfähigen Ordnung. Der Anblick einer verfallenden Holzhütte am Waldrand kann mich zu Tränen rühren.

3
Ich sammle, was einfach ist: Gehen, lieben, mich in den Regen stellen, schauen, den Fußboden zusammenkehren, Erdäpfel kochen und sie zusammen mit Butter und Salz essen.

4
Mit Dir eine sichere Stätte zu haben, das ist nicht einfach.

5
Du rufst aus Tanzania an. Erzählst davon, am liebsten mit den Massai unterwegs zu sein. Unter freiem Himmel. Ihre Sprache zu sprechen, die Tiere hüten, feiern, schlafen. Trotzdem machst Du Dir Gedanken darüber, weshalb es anscheinend kein Problem für den Besitzer darstellt, dass 200 Kühe verdursten, hingegen eine Kuh zu verkaufen, um das Schulgeld für das Kind zu bezahlen, schon.

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