Nackt

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Anfang Oktober 2020: Mindestens einmal am Tag denke ich mir, was ist das für eine Kunstperformance, bei der nun schon seit einigen Monaten die ganze Welt mitmacht? Der Zeitgeist steht nackt auf der Bühne.

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Selten ist der Mensch so ausgeliefert wie liegend in einem Krankenhausbett. Hier klopft der Tod an die Tür, auch wenn die Diagnose eine hoffnungsvolle ist. Hier wird unweigerlich an die eigene Endlichkeit erinnert. Hier werden To-do-Listen verworfen, fallen Masken und jahrelang antrainierte Schutzschilde. Hier ist Gelegenheit, das innerste Gut hervorzukehren.

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Das Gefühl, mich selber zu zeigen, das soll geübt sein, das ist nicht täglich Brot, ist vielmehr überraschendes Zubrot, ist wärmende Wohligkeit, dem Urvertrauen geschuldet. Niste ich mich ein in einem Ort der Vereinigung mit dem Himmel, einem gehofften Du-Kennst-Mich, Du-Schützt-Mich, Du-Hast-Mich-In-Deine-Hand-Geschrieben. Habe ich Bedeutung und Sinn vor Dir. Ich war noch nie so nackt wie bei Dir. Erschütternd, das gesagt zu bekommen. Du: Unbekleidet, ungeschminkt, verletzlich. Das Wesentliche vor mir ausgebreitet. Dein Urbild, das Beständige, das Unwandelbare, Unauflösliche. Die Idee von Dir, ist sie mit Haut und Haar erfassbar, mit meinem Denken, meinem Umherschweifen in Deinen Gedanken, Deiner Aura, dem, was ich sehe? Finde dabei eine transzendente Zuflucht, bin nie fertig damit, immer tiefere Erklärungsnot zu empfinden, ein Erklärungsbedürfnis zu entwickeln. Je näher ich Dich betrachte, desto mehr zerrinnst Du zwischen meinen Gedankensträngen.

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Von jeder Erfahrung unbefleckt, wer kann das von sich behaupten? Vielleicht ein Säugling kurz vor der Geburt oder kurz danach?

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