KategorieRingsum Nacht

Einsamkeit


1
Es hat vier Tage ununterbrochen geregnet. Kein Mensch war zu Besuch. Ich mache auch keinen Schritt vor die Tür. Die Einsamkeit hat voll zugeschlagen.

2
Es kann doch nicht sein, dass sie ihr ganzes Glück von der Beziehung zu einem Mann abhängig macht?

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…die Faszination meines Besuchers ob der ländlichen Einsamkeit und die Antwort der im Landleben Geübten: „Vieles bleibt am Landleben wohl Illusion.“…

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Und ich beobachte eine zunehmende Schweigsamkeit an mir, wenn wir zusammensitzen und miteinander reden. Gerne fällt man mir ins Wort oder lässt mich erst gar nicht reden. Weil ich zu langsam bin. Weil ich unsicher bin, was ich zu sagen habe.

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Ich kann mir selbst eine Stabilität geben, ohne sie im Außen zu suchen, in den Beziehungen, Gesprächen, Lieben. Ich soll mir eine Stabilität im Rückzug sichern, ich will mich in der Konstanz meiner eigenen Existenz erholen.

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Streichel mich mal!

Mystik


1
Taghelle Mystik, nichts erscheint für sich allein, sondern stets als Teil einer ganzen Welt

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Bleib am Singen dran! Die Stimme ist mir das wichtigste Ausdrucksmittel, wenn es um Ekstase geht.

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Die Jungfernlese ist schon geschehen. Stare haben das erledigt. Der Abend nach dem Tag an dem wir den Verlust bemerken, ist ein trauriger. Obwohl ich mich ablenke mit dem Einkochen von schwarzem Holler, Pfirsichen und Zwetschken, die reichlich an den Bäumen hängen. Und obwohl wir wissen, dass es im Judentum für die Herstellung von koscherem Wein üblich ist, die erste Lese der Natur zu schenken. Die Natur macht einen klein.

4
Die Natur ist DAS Ereignis.

 

Perfektionismus

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…geht mir voll auf die Nerven

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Und wenn ich auf andere auch so wirke?
Wieso kann ich mir denn nicht freundschaftlich eingestehen, dass ich so bin, wie ich bin, weil ich weiß, dass ich nicht perfekt sein kann. Nie.

3
Sie schreibt mir:
„Die spannendsten Entwicklungen meinerseits: 

  • Ich nehme Abstand vom Perfektionismus.
  • Ich ziehe weg.“

Tränen


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Kannst Du Dich erinnern, was Dich damals so berührt hat bei der Lektüre des Buches, sodass Du weinen musstest? Gab es da einen besonderen Gedanken oder etwas, was Dir aufgegangen ist, was Dich erschüttert hat?

2
Die Frau liegt im Bett und weint und redet sich den Kummer von der Seele. Sie kommt nicht vom Fleck, weil der Schmerz groß ist.

Der Fünfundneunzigjährige möchte die Trauer über seine Enkelin ausdrücken, die überraschend in einen Karmel in Frankreich eingetreten ist und die er sicher – nach den dort herrschenden strengen Regeln – nie wieder sehen wird. Also weint er.

Der zu Tode verurteilte Winzer, der dem Sohn nicht zutraut, jetzt die ganze Arbeit alleine zu machen, der ihn nicht im Stich lassen möchte, der mitgestalten will, der seine Handschrift noch nicht stilllegen will, er weint.

Er erzählt die Geschichte seiner Beziehung. Dass ihn seine Frau immer weniger versteht. Dass er nicht mehr kämpfen möchte, dass er nicht mehr müssen möchte. Er weint.

Auf der Treppe treffen wir den Freund, gezeichnet von der letzten Chemotherapie, trotzdem ein Strahlen im Gesicht. Seine Frau dreht sich weg von uns und weint.

Der Sohn sieht in der Vorhalle der kleinen Dorfkapelle die schon vergilbte Parte seines Vaters an der Wand hängen. Das rührt ihn zu Tränen. Hier, hunderte Kilometer weit weg von der Stadt gibt es einen Ort, an dem er beheimatet war, sein Vater.

3
Ich strebe eine Auflistung tränentauglicher Filme an, um zu sammeln, wie viel angestaute Traurigkeit im Umlauf ist.

4
Viel spricht dafür, dass es der kulturell dominant gewordene Kapitalismus ist, der unsere Gesellschaft und Lebensführung beherrscht. Er ist seit längerem viel mehr als nur eine teils höchst erfolgreiche, teils höchst ungerechte Weise, die Wirtschaft zu organisieren. „Wo Geld zum einzigen Regulativ des symbolischen Tauschs wird, sind trockene Augen und ein entschiedenes, zielgerichtetes Auftreten geboten“, sagt Isabella Guanzini

 

Leere

1
Aus heutiger Sicht habe ich etwas übrig für die totale Leere.

2
Nashornbulle, Riesenschildkröte, Fransenzehen-Laubfrosch, Chinesischer Flussdelfin, Gelblinge, Brillenbär und Gelber Enzian.

3
Die Gewöhnung ist das eigentliche Exil.

4
Da gibt es keine Erinnerung an die Früheren. Und an die Künftigen, die sein werden, auch an sie wird man sich nicht mehr erinnern bei denen, die noch später sein werden. Kohelet 1,11

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Das Misstrauen über sich selbst lohnt sich ausschließlich dann, wenn man die Leere aushält.

6
Von den Nöten bestimmter Bedürfnisse erlöst sein.

7
Ich kann‘s nicht leiden, wenn du krank bist, mir ist dann so langweilig!

8
Sie ganz leer denken, unsere Erde.

Spur

1
Man muss die Weisheit so sehr lieben, dass man nach ihren Vorschriften lebt. Ein Leben in Einfachheit, Unabhängigkeit, Großzügigkeit und Vertrauen.

2
Sie erzählt mir ihr Leben in Briefen, das große Leben in ein kleines Format gebracht.
Die Eltern sterben schnell hintereinander. Von einem gewalttägigen Mann flüchten. Töchter großziehen und loslassen. In der politischen Gemeinde mitarbeiten. Auch des notwendigen Geldes wegen. Geld überhaupt. Zuerst keines haben und dann viel haben. Freundinnen haben. Irgendwann dann doch in einem leitenden Job arbeiten. Geschwister haben, mit denen es einen Beziehungseinbruch gibt. Kitten wollen. Aber vor allem eines: Nicht mehr spuren wollen. Hilfe benötigen. Eine Raphaela kennenlernen. Sie ist grün und nur ein Schleier. Ihr Gesicht nicht sehen. Sie beschützt. Geführt und beschützt sein. Und doch nicht mehr spuren wollen. Schwer krank sein. Es nicht mehr aushalten. Ein Glas Honig über den Körper gießen. Ummantelt sein mit süßer, klebriger Masse.

3
Wie kann ein neues Gewand passen, wenn der Mensch nicht neu ist?

4
Du hilfst mir, eine neue Sprache zu lernen, jene, die die Vögel sprechen und die Sterne.

 

 

Sorge

 

1
Er verwendet das Wort Thrombose für unsere aufgestauten Sorgen.

2
Er schreibt ein Puppenspiel aus Freude über die herannahende Geburt seines Enkelkindes. Die Freude darüber, dass jemand das Licht der Welt erblickt, von dem ein Teil des eigenen Wesens weiterleben wird, Grashüpfer und Schnecke…

3
Sie geht auf den Friedhof und gießt die Plastikblumen auf dem Grab ihres verstorbenen Mannes.

4
Mehr als ein halbes Jahrhundert lang haben sie mit- und nebeneinander gewirtschaftet. Jetzt sind sie alt und hilfsbedürftig. Er kann es immer noch nicht lassen, den Frauen unter den Rock zu greifen. Dieses Mal ist die Pflegerin dran. Sie will nicht mehr hören, wenn er die Krankenglocke läutet. Die ausführliche Altersversorgung bis zur Geschmacklosigkeit!

5
Und wenn einer sagt, ich solle mich nicht sorgen, dann soll er mir sagen, was ich stattdessen machen soll!

 

 

Vertrauen


1
Jetzt können Sie die Seele baumeln lassen, sagt die Schwester zu mir.
Träumen Sie etwas Schönes, sagt die Anästhesistin.
Alles Gute für die OP, sag ich zum operierenden Arzt.

2
Stechuhren sind mir von jeher suspekt. Wer kommt auf die Idee, jetzt, während der ersten berechtigten Aufatmungsphase dieser Pandemie, Stechuhren im Krankenhaus zu installieren und in Betrieb zu setzen? Es ist eine eindeutige Ansage an das Personal. Wir vertrauen Euch nicht.

3
Mein Selbstvertrauen geht mit der Selbstverständlichkeit einer Heimat einher, jenen Orten auf der Welt, an denen ich meinen Platz kenne und sein kann.

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Eine Kollegin und ich besprechen die Verhältnismäßigkeit von Tun und Lassen. Wir reden vom „Dranbleiben“ und dem tatenlosen Vertrauen, die richtigen Dinge geschehen zu lassen.
Meine Erfahrung, dass mir immer die richtigen Menschen über den Weg laufen, während ich mit einem Gedanken schwanger gehe und ich diese weitertreiben möchte, ist kein Wert sondern ein Verhaltensmodus!

5
Es ist ein Lieblingsspiel aus meiner Kindheit. Vermutlich habe ich es in der Jungschar kennengelernt. Der Vertrauenskreis: Ich schließe meine Augen und lasse mich fallen. In eine Gruppe von anderen, die mich auffangen und hin- und herschaukeln. Für mich war dieses Spiel eine Annäherung an den wiederkehrenden Traum vom Fliegen. Genauso wie das Tanzen, das Wirbeln im Kreis um die eigene Achse, bis zum Umfallen. Gekoppelt an die Sicherheit, dass mich die Erde trägt. Dieses Gefühl habe ich hoffentlich bis in meine Erbsubstanz hinein gespeichert!

6
Der kürzeste Weg zum Schwimmbad führt über die Bahngleise. Sie nimmt ihn. Er ist genau 150 Schwellen lang. Dadurch erspart sie sich zwanzig Minuten Fußmarsch und kann länger im Wasser bleiben. Sollte ein Zug kommen, hört sie ihn ja. 

 

 

 

 

 

 

 

Geheimnis

1
Es ist groß und einfach. Die „Unbetretbarkeit“, die „Mitte aus Innen“.

2
Die Diagnose kommt wie ein Schreckgespenst über ihn. Er trägt das Herz nicht auf der Zunge. Er ist wund ob seiner Erkenntnis, dass er nicht stark genug ist, sie auch anderen zuzumuten. So behält er sie als düsteres Geheimnis und ist angewiesen auf die Feinfühligkeit seiner Frau, seiner Kinder, dass sie ihn und seine Angst erspüren mögen.

3
Die Allee in Ladendorf zaubert aus sich heraus eine Kulisse und eine Stimmung, die man mit nichts anderem genau so erschaffen könnte. Die uralten Linden und Kastanien stehen da wie allwissende Wesen, säumen den Weg, geben ihn vor, lenken und locken mich, Hörende zu werden. Ihr Botendienst überdauert die Jahrhunderte. Hier sitzen bleiben mitten unter ihnen, Wurzeln schlagen, Baum werden.

4
Ob es stimmt, dass das Leben eine Richtung hat?
Dass es Lebendigkeit will und Veränderung, Vielfalt, Zusammenhalt,…?
Und was sich dagegen stellt, geht gegen den Strich?
Ist es so?

 5
Beim Betrachten eines Bildes setze ich mich einer Unbestimmtheit aus.
Ich sehe zum Beispiel einen Felsen und das Meer. Was dahinter ist, sehe ich nicht. Da kann ich mir alles Mögliche vorstellen. Ich kann also hinter den Felsen sehen und bis zum Ende des Meeres. Ich kann auch die Farbtupfen auf der Leinwand anschauen, die Striche, die Flächen und mir Gedanken darüber machen, was die Künstlerin während des Malprozesses getrunken hat, ob sie vor Ort gemalt hat oder bei geschlossenem Fenster. Ich kann das Bild sogar vorsichtig umdrehen, um zu schauen, was dahinter steckt. Da gibt es für mich unerschöpfliche Möglichkeiten der Betrachtungsweise. Niemand mag das kontrollieren. Logik ist nicht das oberste Prinzip.

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Diese Tür lässt sich auch andersrum öffnen: Die Worte, die ich spreche und schreibe, die Dinge, die ich gestalte, die Konzepte, die ich mir ausdenke, sie mögen immer weniger klar daher kommen, immer weniger ausdrücklich. Schemenhaft, versponnen, verwischt. Diffuses Licht.