Steinbock

1
In Amerika geht es bei allem, was man unter Wokeness versteht, anscheinend in Wirklichkeit um eine Gegenbewegung zum Exodus der Frauen aus dem häuslichen Bereich ins öffentliche Leben. Das wird sich wohl auch in Europa so entwickeln.
2
Die Weinsegnung im Waldgasthaus zu Johannis ist eine wilde Mischung menschlicher Äußerungen und wirkt wie aus der Zeit gefallen. Die Vorsitzende der Veranstaltung empfängt sexy gestylt die Ehrengäste. Der Hauptorganisator ist im Hintergrund aufgeregt und darum bemüht, dass keine Pannen passieren. Gschamster Diener. Es gibt einen strikten Zeitplan. Zwei Frauen führen die Segnung durch, gediegen und ökumenisch. Zwei andere Frauen zitieren Weinsprüche, die unter der Gürtellinie angesiedelt sind. Der Wein fließt, aber nicht übertrieben, da der Wirt schließlich auch mit dem Bier ein Geschäft machen soll. Die Wirtin und der Kellner stehen nervös in den Startlöchern, um das Essen aufzutragen. Dabei handelt es sich um Gans, Rotkohl und Knödel. Die hohe Politik sitzt gemeinsam an einem Tisch. Die Musikanten spielen wie eine Beerdigungscombo und zudem so richtig falsch. Sie bekommen eine extra große Portion Essen, damit sie aufhören. Die Jäger unter den Winzern halten sich heute mit ihrem Latein zurück. Die Nacht ist lang und dunkel.
3
Jetzt möchte auch ich mich einmal über Altersdiskriminierung beschweren: Ich möchte doch auch gesehen werden, ohne lächerlich zu wirken bzw. ohne von den Jungen weggekickt zu werden. Und ich frage mich: Wie muss es meiner Mutter wohl damit gehen?
4
Menschen, die am Sterbebett von der Schönheit einer Kastanienblüte schwärmen, verstehe ich viel besser als diejenigen, die sich um ihr materielles Erbe sorgen.
5
Die Sozialarbeiterin meint pragmatisch: „Wenn du mehr hast, als du brauchst, bau einen größeren Tisch!”