Spinnweben

1
Ihr Mann und Vater ihrer Tochter ist ein waschechter Wiener Peitscherlbua, Würstelstand- und Gasthausbesitzer mit viel Kohle. Zumindest zu Beginn der Beziehung. Sowohl der Beruf als auch die Immobilien sind ein Erbe seiner Eltern. Er fährt ausschließlich mit dem Taxi, da es unter seiner Würde ist, den Führerschein zu machen. Mit der Zeit entwickelt er sich mehr und mehr zum Dandy, Hochstapler, G´schichtldrucker und auf jeden Fall -zum Drogenabhängigen. Zuerst von Haschisch. Danach von Alkohol und Nikotin. In dieser Szene ist es gang und gäbe, mit jedem Sex zu haben und laut darüber zu sprechen. Dazu gehört auch, richtig zugekifft zu sein und am nächsten Tag ausführlich darüber zu sprechen. Der beste Freund ihres Mannes ist Drogendealer und saß dafür schon im Gefängnis. Sie lernte ihn erst kennen, als er wieder freikam. Ein Bär von einem Mann. Tätowiert am ganzen Körper mit zwei fehlenden Schneidezähnen. In dieser Truppe ist sie Außenseiterin, weil sie sich nicht anpasst an die Spielregeln, die so ganz anders sind, als daheim in Polen im relativ behüteten Elternhaus. Sie macht sich große Sorgen, um die gemeinsame dreijährige Tochter, weil sie sie nicht aus den Augen lassen darf, da der Kindsvater oft nicht mehr bei Sinnen ist, um das Kind zu hüten. Er bemerkt nicht, wie sich das Kleinkind selbst die Haare schneidet. Er bemerkt nicht, dass es sich die Finger in der Tür einklemmt, Einmal lässt er es aus lauter Wut einfach auf der Straße stehen und geht weg. Er weigert sich, das Dekret zu unterschreiben, das die Aufenthaltsbewilligung für sie und die Tochter verlängert.
2
Sie hat ihm schon vor Jahren die Scheidungspapiere vorgelegt, weil er zum Hund viel freundlicher war als zu ihr. Das hat eine Kleinigkeit verändert, nicht viel, aber es reicht als Kompromiss. Ab nun spielt der Hund für beide eine große Rolle.
3
Seine Schwester ist mit einem Tyrannen verheiratet, von dem sie nicht loskommt, obwohl alle ihr dazu dringend raten. Sie hat Angst davor, nicht alleine leben zu können oder niemand anderen zu finden, der mit ihr leben möchte.
4
Die beiden haben Hunger. Nach gutem Essen und nach Kommunikation. Sie sind auch bereit, zuzuhören. Wir reden über die letzten Dinge. „Das Sterben kommt eh von allein“, meint sie und fügt hinzu: „Ich beschäftige mich lieber damit, ein gutes Porträt zu malen. Das Wesen eines Menschen in einem Bild einzufangen – damit habe ich bis zu meinem Lebensende eine erfüllende Aufgabe.“ Er fügt hinzu: „Ich bin schon in einem Alter, in dem ich, um eine mir besonders liebgewonnene Melodie zu hören, nicht mehr in den Musikverein gehen oder das Lied im Radio hören muss, damit es mich tröstet. Allein der Gedanke daran tut es.“