Neapel

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Er erzählt mir eine wunderschöne Begebenheit, die er gerade in Neapel erlebt hat:
„Seit einigen Tagen beobachte ich einen Mann, der mich an einen behinderten Mitarbeiter aus seiner Firma erinnert. Er steht vermutlich ganz unten auf der Karriereleiter. Ich entdecke ihn, während ich in der Spelunke auf der gegenüberliegenden Straßenseite sitze. Er arbeitet in einem kleinen Geschäft. Die schmale Straße zwischen uns ist sehr stark befahren, trotzdem lasse ich mich ganz auf meine Betrachtung ein. Er gefällt mir sehr. Er scheint in diesem Mini-Gemischtwarenladen für alles zuständig zu sein. Der Chef sagt ihm immer wieder Jobs an: Gelieferte Ware einsortieren. (Er hat Stress, wenn eine Lieferung kommt!) Eine Bestellung zur Nonna XY ausliefern. Am Abend zusammenkehren, aufwischen und abschließen. Dazwischen bleibt Freiraum. Er hantiert mit dem Handy. Er liest Zeitung. Er führt Konversation. Er raucht halbstündlich eine Zigarette. An einem Tag der Woche hat er frei.
Ich frage mich, ist er der Schwager des Chefs und seine Frau, die Schwester, hat ihn gebeten, ihm Arbeit zu geben? Ich stelle mir vor, er ist verliebt, hoffnungslos, in eine Donna, die leider etwas schwierig ist. Daher versucht er, etwas Geld zur Seite zu legen, damit er sie dann gebührend überraschen kann. Ich liebe es, mir solche Geschichten auszudenken!
Ab nun komme ich jeden Tag in dieses kleine Lokal gegenüber dem Laden, in dem mein neuer Freund arbeitet. Er weiß nichts davon. Ich beobachte ihn. Ich fotografiere ihn. Ich zeichne ihn. Ich hab ihn sehr gern. Am letzten Tag meines Neapelaufenthalts gehe ich zu ihm und reiche ihm meine Zeichnungen. Jetzt weiß ich, dass er Fernando heißt. Dann verschwinde ich wieder und lasse ihn mit dem Geschenk allein. Ich habe ihn damit doch überrumpelt.
Eine kurze Zeit später holt mich Fernando noch einmal und lässt fragen, ob ich auch seine Bekannte zeichnen könnte. Leider muss ich absagen, denn in ein paar Stunden fliege ich wieder zurück nach Wien. Fernando ist ganz aufgeregt, lächelt mich an und bei der Verabschiedung umarmt er mich mehrmals.
Jetzt hat Fernando etwas, das die anderen nicht haben. Eine Gabe, die nur ihm allein gehört, die ausschließlich für ihn angefertigt wurde und ihn abbildet, ihn zeigt. Und er hat einen neuen Freund in Wien.“
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Überraschung. Erschütterung. Ver-rückung. Verzauberung. Gesehen zu werden, so, wie man ist … So wird aus dieser Art der Distanzlosigkeit, jemanden ungefragt zu zeichnen und ihm das Bild zu schenken, eine einzigartige Liebeserklärung.